Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Donnerstag, 10. Mai 2018

Empfehlung: In der Ferne der Fuji wolkenlos heiter (Wakayama Bokusui)






Japan

In der Ferne der Fuji wolkenlos heiter
Autor: Wakayama Bokusui
Verlag: Manesse
Übersetzung und Nachwort: Eduard Klopfenstein
Genre: Tanka, Lyrik



Vor beinahe exakt 3 Jahren hatte ich 2015 mit "Japanische Jahreszeiten" einen ähnlichen Titel besprochen. Der unterschied zum hier vorliegenden Band ist aber signifikant genug. Bei "Japanische Jahreszeiten" sammelte man Haikus und Tankas diverser Autoren gleichermaßen. Bei "In der Ferne der Fuji wolkenlos heiter" vereint der Manesse Verlag diesmal die Tankas von Wakayama Bokusui.

Der Unterschied zwischen Tankas und Haikus (die Tankas waren als erstes da) ist die Länge. Handelt es sich bei Haikus um die weltbekannten Dreizeiler, so sind die im Westen weniger bekannten Tankas Fünfzeiler. Das Konzept hinter dieser alten japanischen Gedichtform ist ungefähr das selbe (ich hoffe, einen Laien der Dichtkunst wird man nun nicht steinigen sofern ich falsch liege). Man beschreibt eine Momentaufnahme. Schon in meiner letzten Besprechung habe ich angemerkt, dass ich mich für die allgemeine Dichtkunst nie begeistern konnte. Bis heute hat sich da nichts geändert, die Ausnahme sind jedoch besagte Tankas und Haikus aus Japan. Die Kunst dieser wunderschönen Gedichte besteht darin, in wenigen Zeilen etwas alltägliches zu beschreiben und es außergewöhnlich erscheinen zu lassen. Bei den Tankas ist das selbstverständlich nicht anders als bei den Haikus. An der Kunst der Haikus habe ich mich sogar für die auf NHK World ausgestrahlte Sendung "Haiku Masters" selbst einmal versucht und habe schnell meine Grenzen der Kreativität aufgezeigt bekommen, als ich ein eigenes Werk eingesandt habe.

Der japanische Poet Wakayama Bokusui (1885-1928) war damals daran beteiligt, die etwas angestaubte japanische Dichtkunst wieder zu modernisieren. Bokusuis Reisen führten in durch ganz Japan und Korea und die meisten seiner Schöpfungen sind Andenken an seinen Reisen. Bokusui verstarb bereits in einem recht jungen Alter was vermutlich auch seiner Liebe zum japanischen Reiswein Sake geschuldet war.


"Vogelgezwitscher
wie plätscherndes Wasser
Bergkirschen blühen
zur Mittagszeit     zwischen Kiefern
in Waldestiefe"


Wie bei dieser Dichtkunst üblich haftet den Tankas gerne eine melancholische Atmosphäre an. Nichts tragisches oder deprimierendes, es ist eine sehr angenehme Stimmung und bei so manchem Werk kann man beinahe das Meer im Hintergrund rauschen hören. Diese kleinen Fünfzeiler befassen sich mit der Schönheit der Natur und passen besonders jetzt zum Frühling ausgezeichnet gut.

Übersetzt (und mit einem ausführlichem Nachwort versehen) wurden die Tankas vom erfahrenen Japanologe Eduard Klopfenstein (geb. 1938). Neben den ausgezeichnet übersetzten Tankas in eine moderne deutsche Sprache findet sich im Nachwort noch viel wissenswertes über Wakayama Bokusui und der Entstehungsgeschichte seiner Tankas. Versehen sind alle Tankas zusätzlich mit der Jahreszahl ihrer Entstehung. Die einzelnen Abschnitte sind im Buch unterteilt und jeweils Kalligrafien von Bokusui versehen, die in ihrer Originalform abgedruckt wurden und zusätzlich in lateinischer Schrift (aber weiterhin in japanischer Sprache) hinzugefügt wurden. Die Tankas selbst befinden sich allerdings nur in deutscher Sprache im Buch.

Manesse präsentiert hier eine herrliche bibliophile Ausgabe, gebunden mit Schutzumschlag aus einem wie immer hochwertigem Material. Ein Buch, welches zwar zum mitnehmen einlädt, aber man sollte es ausreichend schützen während des Ausflugs. Kleiner Makel: Es gibt leider kein Lesebändchen.






Empfehlung

Erstmals in deutscher Sprache präsentiert Manesse hier einen wundervollen Sammelband, der über 250 Tankas aus Wakayama Bokusuis Schaffenskraft beinhaltet. Sammler von Gedichtbänden aber auch besonders Freunde der japanischen Literatur werden mit "In der Ferne der Fuji wolkenlos heiter" ein kleines Juwel für ihr Geld erhalten. Und da alle guten Dinge bekanntlich drei sind, so hoffe ich, wird Manesse die Reihe der japanischen Dichtkunst fortsetzen.



"Kleine Imbissbude
an der Hafenmole
Ich schaue mir
die Schiffe an     beiße in einen
Apfel     da rieselt der Ruß..."

Mittwoch, 9. Mai 2018

Die letzten Jedi - Die seltsame Star Wars Episode von Rian Johnson




Massive Spoiler. Mach kehrt sofern du nicht erfahren willst welch ikonischer Charakter sich am ende des Films in Luft auflöst!



Es hat nur rund 34 Jahre gedauert, bis das Star Wars Franchise endlich seinen David Lynch Film bekommen hat. Episode Nummer 8 markiert einen Punkt, wo jede bekannte Film-Marke einmal durch muss: Exploitation. Genau diesen Weg schlägt die neuste Episode aus der Feder von Rian Johnson ein. Rian Johnson machte sich mit Filmen wie Brick und Looper einen Namen. Ein Regisseur, der mehr Kunstfilmer ist als Filmemacher, der nach den strikten Regeln Hollywoods vorgeht. Seine Filmkunst ist nicht wirklich vergleichbar mit den Werken von David Lynch, aber ihre art ein Projekt anzugehen weist viele Parallelen auf. In eine ähnliche Kerbe schlägt auch der Kanadier Denis Villeneuve der für Blade Runner 2049 gefeiert wurde und Johnsons Star Wars bei den Oscars in den für beide Filme relevanten Kategorien ausstach.

Die ursprüngliche Planung für Disneys neue Star Wars Trilogie war 3 Regisseure anzuheuern, die für diese Materie wie geschaffen waren. Angefangen bei J.J. Abrams (der für Disney am liebsten die Lösung für alle 3 Filme gewesen wäre und er selbst diesen Fakt nach Episode VII eingesehen hat) der anschließend den Staffelstab an Rian Johnson weitergeben wird und dieser wiederum die Verantwortung an Colin Trevorrow (Jurassic World) übergeben sollte. Zwischen Trevorrow und Disney soll jedoch ein Dissens entstanden sein der wiederum Disney goldenes Kind, Abrams, zurück ins Boot holte. Abrams beteuerte noch mehrmals wie sehr er es bereut hat, abgelehnt zu haben, bei allen 3 Filmen Regie zu führen. Nun wird Abrams beim Finale, Episode IX, wieder übernehmen. Doch vorher muss er sich um den riesigen Scherbenhaufen kümmern, den Johnson hinterlassen hat.

Ganz recht, Abrams hat circa 130 Minuten Nettospielzeit Zeit, auszubügeln, was Rian Johnson mit seiner Episode angerichtet hat. Die Ausgangslage nach Episode VII war dabei nicht so schlecht um wirklich eine große Möglichkeit zu haben, Episode VIII entweder in den Sand zu setzen oder es zu schaffen, etwas anderes als Star Wars aus dieser Episode zu machen. Und genau so fühlen sich "Die letzten Jedi" an: Ich bestelle einen Big Mac und erhalte einen Whopper. Es ist nicht einmal ein Big King sondern ein Whopper. Etwas komplett anderes also. Ein Unding so zu sagen, denn in einem McDonald's wird man niemals einen Whopper oder einen Big King erhalten, es sei denn man besucht den Burger King nebenan und verspeist sein Essen im McDonald's gegenüber. Überhaupt sind Fast Food Vergleiche zu Star Wars beinahe eine Majestätsbeleidigung. Ist es also so weit gekommen?

Aus technischer Sicht gesehen kann man Johnsons Film (welches durch und durch sein Baby ist da er hier auch das Drehbuch verfasst hat) nichts vorwerfen. Wenn auch nicht ganz so stimmig wie der bereits erwähnte Blade Runner 2049 (natürlich Geschmackssache), so ist Episode VIII zumindest optisch ganz großes Kino. Für Episode VII waren für die Geschichte und somit auch für das Drehbuch Veteran Lawrence Kasdan (welcher der Prequel-Trilogie von Lucas komplett ferngeblieben ist) sowie J.J. Abrams selbst. Die Geschichte in Episode VII war weder unglaublich originell noch wirklich neu, besonders hier hat man sich gerne mal am Expanded Universe bedient welches ja bekanntlich von Disney eingestampft wurde. Die Prämisse und Ausgangslage war aber vielversprechend genug, um aus dieser Storyline, dieser Idee, etwas taugliches zu erschaffen. Abrams setzte hier zusätzlich auf den Faktor Nostalgie. Die immer wieder gern benutzte Anschuldigung, Episode VII sei eine direkte Kopie des Erstlings "Eine neue Hoffnung" begreife ich bis heute nicht. Wenn man Abrams Film so etwas vorwirft, kann man genau diese Kritik auch für jeden anderen Star Wars Film (inklusive Episode 1) benutzen, denn rein von der Struktur her sind sie alle gleich aufgebaut. Abrams Film ist da genau so wenig eine Ausnahme wie die anderen Ableger.

Und hier kommt Episode VIII von Rian Johnson ins Spiel. Dieser Film tanzt nämlich, was seine Struktur und was sein Aufbau angeht, größtenteils aus der Reihe. Der Film möchte anders sein und hat auch Erfolg darin, allerdings enden sämtliche Versuche anders zu sein als die Filme davor darin, dass der Film entweder sich selbst oder andere Episoden parodiert oder sich so drastisch von der Star Wars Mythologie unterscheidet, dass es schwer ist, hier noch behaupten zu können, es mit einem legitimen Nachfolger der vorherigen Episoden zu tun zu haben. Ein Schwenker auf Rogue One: Ausgerechnet ein Spin-Off, an das ich kaum irgendwelche Erwartungen hegte und wo die Maus persönlich noch einmal Nachdrehs und Änderungen vornahm, besitzt die pure Essenz von Star Wars in seinem Kern (noch mehr sogar als es Abrams bei seinem Versuch über 2 Stunden lang versuchte). Das große Problem an Johnson Film ist jedoch die Geschichte. Der gesamte Plot wirkt wenig durchdacht und ohne ein wirkliches Konzept. Wurde im Vorgänger die Erste Ordnung und ihr Anführer, der Supreme Leader Snoke (sozusagen der Nachfolger des Imperiums mit einem Anführer nicht weniger mächtig als der Imperator) bereits wenig logisch in die allgemeine Geschichte eingebunden, gelingt Johnson es nicht einmal, diese Kritikpunkte zu beseitigen. Stattdessen macht er es schlimmer. Die interessanten Charaktere, die Abrams im letzten Film eingeführt hat stagnieren, entwickeln sich nicht weiter und sämtliche Wege führen sie in Sackgassen. Kylo Ren wird zu einer schizophrenen Teenie-Nervensäge degradiert die gegen seine Eltern und Lehrer rebelliert, General Hux mutierte zu einer belanglosen Ulk-Figur die für ein paar Comedy-Momente sorgt während Poe Dameron zu einem schießwütigen Revolverheld-Macho umgebaut wurde. Genau so ins Nichts verläuft auch die Storyline von Finn mit seiner asiatischen Freundin auf dem Kasino-Planet (beide so unbedeutend, dass mir nicht einmal der Name des Mädchens und dem Planet einfällt). Doch nicht nur die Charaktere stagnieren, es ist das gesamte Star Wars Universum welches hier stagniert. Zwar gibt es einige neue niedliche Kreaturen die sich sicherlich im Merchandise gut schlagen werden, aber nichts davon bringt den Film weiter oder aber erweitert dieses vielversprechende, große Universum. Johnson lag nichts an exotischen neuen Planeten, Rassen und nicht einmal lag ihm etwas an Lichtschwerter. Ein seltsamer, unangebrachter, beinahe schon surrealer Auftritt von Yoda bestätigte nur noch einmal, wie überfordert der Film mit sich selbst ist.

Abrams Probleme mit der Ersten Ordnung, dem Orden von Ren und Snoke waren nicht so schwerwiegend, dass man sie in "Die letzten Jedi" nicht hätte ausbügeln können. Im Gegenteil. Abrams Story besaß zumindest noch so viel Potential, um ein Feuerwerk in den beiden Fortsetzungen entfachen zu können. Stattdessen werden neue Charaktere, eingeführt im letzten Film, entweder auf einen Cameo reduziert oder aber in zwei Hälften geschnitten. Noch bevor überhaupt ans Licht kam, wer oder was Snoke ist, woher er seine ungeheure Macht schöpft, da wurde er auch schon aus dem Film geschnitten (alle die den Film gesehen haben werden nun in Gelächter ausbrechen, welches sicherlich noch 2 Tage andauern wird). Kein Charakter in Episode VIII bekommt auch nur ein einziges mal die Chance, wirklich etwas relevantes zu tun oder sich weiterzuentwickeln. Besonders die neu eingeführten Charaktere bleiben leere Hüllen oder werden verheizt wie Captain Phasma, Vizeadmiral Holdo oder Benico Del Toros Charakter DJ (der sinnbildlich für die Philosophie des Films steht, dazu gleich noch einmal mehr). Und all das führt letztendlich zur großen, polarisierenden Kontroverse im gesamten Film: Luke Skywalker.

Am Set gab es bereits zwischen Rian Johnson und Mark Hamill einen großen Disput über die Fortführung der Geschichte von Luke Skywalker. Was hat er die vergangenen 30 Jahre getrieben? Warum wurde er zu einem kautzigen, alten Eremit auf einer einsamen Insel, der den Glaube an die gesamte Philosophie der Jedi verloren hat? Ein Mann, der dafür plädiert, dass die Jedi endgültig aussterben müssen. Wer sich wirklich all die Jahrzehnte gefragt hat, was aus dem glücklichen jungen Mann am Ende von "Die Rückkehr der Jedi-Ritter" passiert ist, der wird hier seine Antwort finden. Man kann sich sicherlich drüber streiten, ob die Geschichte der Skywalker am Ende von Episode VI erzählt ist oder noch etwas Raum für eine letzte, weitere Geschichte bietet. Prinzipiell gehöre ich nicht zu den Leuten, die sich nach Episode VIII nun die Augen unter der Luke Skywalker Fan-Bettdecke ausweinen, ich begrüße diese etwas andere Ausrichtung des Charakters sogar. Probleme habe ich nur damit, wie destruktiv Johnson mit diesem Charakter umgeht. Johnson macht Skywalker zu einem Antiheld. Er wurde zum Cop, dessen Partner von einem Gangsterboss erschossen wurde, damit durchkommt und jener Cop nun den Glaube an das System verloren hat, was die Gesellschaft eigentlich vor der Ungerechtigkeit beschützen soll. Luke Skywalker mutierte zu diesem frustrierten Cop der den Glaube an das System, in dem Falle an seine Bestimmung und Glaubensrichtung, verloren hat. Schockierend ist hier, wie irrelevant Luke Skywalker für die gesamte Geschichte ist und in seinem letzten großen Auftritt so dermaßen belanglos von der Bühne abtritt, als hätte dieser Charakter niemals existiert. Luke Skywalker geht nicht mit einem Knall, er verschwindet einfach und löst sich in Luft auf. Dabei hätte dieser Charakter zumindest einen letzten großen, epischen Kampf verdient gehabt. In seinem bekannten Song hat es Neil Young bisher am schönsten ausgedrückt: "It's better to burn out than to fade away".

Was am Ende bleibt ist ein seltsamer Film, der den Leuten nie das gibt, was sie sehen wollen. Ikonische Dinge. Simple Dinge wie Lichtschwerter die sich kreuzen, Bösewichte die geschwollen reden und charmante Machos die überhebliche Reden schwingen. "Die letzten Jedi" scheint das Franchise für eine neue Zielgruppe aufzubereiten. Ein Opfer, welches man dafür bringen muss ist jenes zu zerstören, was man sich über Jahrzehnte aufgebaut hat. Die alten Helden werden entweder von ihren eigenen Sprösslingen ermordet oder lösen sich in Luft auf. (oder vaporisieren im Falle von Admiral Ackbar). Obwohl ich an sich kein wehmütiger Mensch bin, tut all der Pessimismus, die Neuausrichtung, aber, und ich bin immer noch ein leidenschaftlicher Filmfan, besonders die schwache Geschichte weh. Die Möglichkeiten waren hier vermutlich so unbegrenzt wie die weit, weit entfernte Galaxis. Um noch einmal auf DJ, dem Gauner-Charakter von Benicio Del Toro zurückzukommen: Dieser Charakter ist eine perfekte Metapher für den gesamten Film. Ein Gauner, der sich als liebenswerter Schuft herausstellt und am Ende für ein paar Credits unsere Freunde verrät. Bis zur letzten Sekunde wünscht man sich, dass auch dies nur ein Gauner-Trick des Halunken war. Doch man wartet und wartet und irgendwann realisiert man, dieser liebenswürdige Gauner war in Wahrheit ein unverschämtes, selbstgefälliges Arschloch, eine Hülle, genau so leer wie die Charaktere und Planeten in diesem Film. Vermutlich die größte Überraschung, die sich Rian Johnsons Film bis kurz vor Schluss aufgehoben hat und sein Werk bestens repräsentiert. Und so endet diese etwas andere, seltsame Star Wars Episode von Rian Johnson die rund 140 Minuten lang versucht, anders zu sein als die vergangenen Episoden. Die Geschichte bietet nur noch wenig Spielraum für einen weiteren Film da es an Bösewichten und Helden gleichermaßen fehlt (und Lichtschwerter). Abrams wird sich nun beweisen können, ob er wirklich ein Zauberkünstler ist. Denn hier hilft nur noch ein Magier.



Freitag, 4. Mai 2018

Rezension: Die drei Sonnen (Cixin Liu)





Die Trisolaris-Trilogie 1


China 2006/2008

Die Drei Sonnen
Alternativ: Three-Body, The Three-Body Problem
Autor: Cixin Liu
Verlag: Heyne
Übersetzung: Martina Hasse
Genre: Hard Science-Fiction


Die bemerkenswerte Science-Fiction Trilogie von Cixin Liu hört auf den Titel "Earth's Past" oder ganz einfach "Three Body" (dem Begriff aus der Physik). Im Heimatland China sind die 3 Romane zwischen 2008 bis 2010 erschienen, international schwappte die Begeisterung erst einige Jahre später über (vermutlich besonders ab jenem Moment, als Ex-Präsident Obama das Buch lobte und einen gewissen Trost darin fand im Bezug auf sämtliche irdische Probleme, mit denen er sich zu seiner Amtszeit befassen musste). Da die Geschichte vorher noch in China in Kapitel abgedruckt wurde, geht die Entstehungsgeschichte sogar zurück bis ins Jahr 2006. Die Veröffentlichung in den USA heimste den Hugo Award ein und besonders viel Anerkennung generierte besonders die Übersetzung von Ken Liu (Übersetzer und Autor von Science-Fiction Literatur). Deutsche Leser mussten bis ende 2016 darauf warten, eine übersetzte Ausgabe in die Finger zu bekommen. Eine große Überraschung hierbei ist, der Heyne Verlag lizenzierte nicht die englischsprachige Übersetzung von Ken Liu (die sich übrigens inhaltlich und in einigen anderen Punkten wie Chronologie vom Original unterscheidet), sondern kreierte mit der Übersetzerin Martina Hasse eine Übersetzung der chinesischen Originalausgabe.

Abseits des Buches selbst ist es mindestens genau so interessant zu recherchieren, wie sehr Cixin Liu nicht nur bei seinem Heimatvolk polarisiert, sondern auch bei den internationalen Lesern. Wo es Anerkennung gibt, dort gibt es auch Kritik und umgekehrt. Im Fokus der Kritik steht meistens die Komplexität der Geschichte. Einige internationale Leser kritisieren auch die mangelnden Erklärungen für die geschichtlichen Hintergründe. Und genau hier gibt es einen Einspruch von mir. "Die Drei Sonnen" wurde nie für den westlichen Markt konzipiert. Und dies gilt für die gesamte Trilogie. Wir haben es hier mit einem Autor aus China zu tun, gewisse kulturelle Unterschiede sind hier unvermeidbar (auf den letzten Seiten gibt es ein ausführliches Register). Verzichtet ein ausländischer Verlag aber auf diese Teile der Geschichte, könnte man sich die Veröffentlichung auch komplett sparen. Einen größeren Teil des Kulturschocks wird hier wohl die Thematik rund um die chinesische Kulturrevolution sein (1966-1976). Das komplette Buch baut seine Geschichte auf dieses signifikante Ereignis in der chinesischen Geschichte auf. Cixin Liu beschreibt die Zustände überraschend schonungslos aber auch ausführlich. Für mich als Leser, der sich mit der Revolution bisher nicht großartig befasst hatte (ein Ereignis, welches das China heute so prägte, wie wir es kennen), ein interessantes Thema was noch ein bisschen zusätzliche Recherche nötig machte. Es könnte diese zusätzliche Recherche sein, die einige Leser vielleicht als etwas lästig ansehen könnten, da man bei einem Roman der Kategorie Science-Fiction gerne sofort und ohne geschichtliche Hintergründe in eine exotische Welt eintauchen möchte.

Und genau hier liegt der springende Punkt: "Die Drei Sonnen" ist klassische harte Science-Fiction. Diverse Ähnlichkeiten zu Asimovs Foundation-Trilogie werden gewiss nicht zufällig sein, unterstreichen aber, in welchen Kreisen sich Cixin Liu aufhält. Denn schon lange gab es nicht mehr eine Trilogie, die in so eine klassische Kerbe einschlägt. Und dennoch sind die Wissenschaften im Buch eher zweitrangig und auch für den Leser relativ leicht verständlich. In einem Interview mit chinesischen Studenten an einer britischen Universität gab Liu besonders amüsiert zu, er habe nicht einmal einen besonders starken Draht zur Physik.

"Die Drei Sonnen" kombiniert also gleich mehrere Genre. Historischer Roman, eine Hard Boiled Geschichte und klassische Science-Fiction. Und dennoch schafft es der Autor, diese völlig verschiedenen Elemente natürlich in seine Geschichte einzubauen. Wir haben es hier mit einer Geschichte zu tun, die sich über eine extrem lange Zeitspanne erstreckt. Doch der Ausgangspunkt dieser epischen Reise ist das Jahr 1967 mitten in der Kulturrevolution.

Jetzt habe ich zwar eine menge über das Buch geschrieben und meine Begeisterung ausgedrückt, doch schaffe ich es auch, die Geschichte zusammenzufassen für die Leute, die hier eine Empfehlung suchen? Kann ich nicht einfach die Frage beantworten, ob es in dieser Geschichte Außerirdische gibt? Nun, damit würde ich es mir etwas zu einfach machen. Mit den Trisolanern gibt es zwar eine außerirdische Rasse die sich auf der Erde niederlassen will, aber es ist eher das Wie und Warum und Weshalb, was man hier erklären müsste. Und hier liegt dann die bereits angesprochene Komplexität die den Rahmen einer Rezension sprengen würde. Was man für "Die Drei Sonnen" braucht ist Zeit und eine Liebe zur klassischen Science-Fiction. Sofern man vor hat, Band 1 dieser dreiteiligen Reihe zu lesen, der sollte vorher ein wenig über die Kulturrevolution stöbern, bevor er sich mit dem Buch befasst um so einen leichteren Einstieg zu haben.


Resümee

Ein Buch, etwas zu komplex um es gebührend in einer Rezension zu besprechen. Cixin Liu macht mit "Die Drei Sonnen" Werbung für die chinesische Literatur. Dass ausgerechnet aus China ein solcher Science-Fiction Knaller kommt, damit hätten wohl im Vorfeld nicht viele gerechnet. Besonders das Gebiet, auf dem Liu wandelt galt beinahe als ausgestorben. Diese Renaissance wird seine Leser mit einer Geschichte belohnen, die sich über Zeit und Raum erstreckt. Ich könnte noch Stunden über das Buch weiter plaudern, aber ich denke, jeder sollte "Die Drei Sonnen" für sich selbst entdecken (außerdem würden sämtliche Namen und Begriffe die Rezension unnötig verkomplizieren und den Plot vermutlich wirrer darstellen, als er ist). Man sollte sich jedoch bewusst sein, dass hier viel Konzentration vom Leser verlangt wird und sich die Ruhe antun sollte, denn sonst könnte es sein, dass man Gefahr läuft, aus der Geschichte geworfen zu werden. Wer sich darauf einlassen kann, der wird hier den Auftakt zu einer fantastischen Trilogie erleben.


Weiter geht es in einigen Tagen mit der Fortsetzung "Der dunkle Wald". Zusätzlich wird es demnächst noch einen Einwurf über Cixin Liu geben, wo ich ein wenig näher auf den Autor und seinen Stilmitteln eingehen werde.

Donnerstag, 26. April 2018

Rezension Teil 1: Die Ermordung des Commendatore Band 2


(Foto: © Markus Tedeskino / Agentur Focus)




Die Murakami Rezensionen 11-12

Japan 2017
Die Ermordung des Commendatore Band 2
Alternativ: Die Ermordung des Commendatore Band 2: Eine Metapher wandelt sich
Originaltitel: Kishidancho Goroshi
Autor: Haruki Murakami
Veröffentlichung: 16.04.2018 bei DuMont
Übersetzung: Ursula Gräfe
Genre: Künstlerroman, Drama, Mystery



Hier handelt es sich um den ersten Teil einer zweiteiligen Besprechung. Mein komplettes Fazit folgt im zweiten Teil. Da ich hier auf wichtige Details aus dem ersten Band eingehe sei jedem Leser dieser Rezension geraten, erst Band 1 zu lesen bevor er diese Besprechung liest. Die Rezension zu Band 1 ist unter folgendem Link zu erreichen: Bitte hier entlang



Keine 3 Monate hat es gedauert, bis DuMont Band 2 von Haruki Murakamis neustem Roman veröffentlicht hat. Genug Zeit also, um mit Band 1 fertig zu werden, zusätzlich noch Natsume Sōsekis "Der Bergmann" zu verschlingen und sich gemütlich auf den Abschlussband von Murakamis neustem Streich zu freuen. in Band 2 bekommen wir es ungefähr noch einmal mit dem gleichen Umfang wie im Vorgänger zu tun, inhaltlich wissen aber beide Bände stark voneinander zu unterscheiden.

Genau wie bei 1Q84 wird sich ein Leser, der mit dem Werk Murakamis nicht so vertraut ist, am Ende der Fortsetzung vermutlich fragen, ob es nicht auch ein einziger Band getan hätte. Während ich bei 1Q84 zustimmen muss, dass Band 3 vielleicht etwas zu viel des Guten war, muss ich bei der Ermordung des Commendatore aber eindeutig sagen, der Umfang ist genau richtig so. Der Hauptplot ist bei Murakami eigentlich fast immer das Beiwerk. Was seltsam klingen mag ist ein essentielles Merkmal des japanischen Autors. Murakami beweist sich hier wieder einmal als begnadeter Erzähler der zwar keine epische Geschichte aufbaut, es aber die einzelnen Charaktere und ihre Geschichten sind, die den Leser ans Buch fesseln. Und natürlich sind es wieder einmal auch die surrealen, äußerst mysteriösen Ereignisse, in Band 2 wesentlich üppiger vertreten als im Vorgänger, die den Commendatore zu einem echten Murakami machen.

Da Band 1 keine abgeschlossene Geschichte war ist es wenig verwunderlich, dass Band 2 genau da weitermacht, wo Band 1 aufhörte. Etwas, was sich wohl auch nur Murakami im Heimatland erlauben kann ist die Veröffentlichung beider Bände am selben Tag. Gegen ende des ersten Bandes werden mit den Akikawas (Nichte und Tante) interessante neue Charaktere eingeführt. Menshiki, der mysteriöse, von Nebelkerzen umhüllte Auftraggeber unseres Erzählers, hat die Vermutung, die junge Marie Akikawa könne seine leibliche Tochter sein, die infolge einer leidenschaftlichen Romanze entstanden ist. Nicht ganz so zufällig von dem reichen Herrn geplant, möchte er, dass unser Erzähler Marie malt und das Mädchen wie auch Menshiki zueinander führt. Interesse an einem Vaterschaftstest oder auch das Mädchen intensiv kennen zu lernen hat Menshiki nicht, er will alles dem Karma überlassen. Oder, besser gesagt, Schrödingers Katze. Der Erzähler soll Marie porträtieren. Mehrmals betont der Maler, er fühle sich mit Menshiki auf eine seltsame art und weise verbunden und möchte ihm helfen. Doch agiert der namenlose Maler hier nicht völlig uneigennützig. Marie erinnert ihn an seine in jungen Jahren verstorbene Schwester. Er freundet sich mit dem eigenwilligen Mädchen an und gerät immer tiefer in den Strudel dieser eigenartigen, fast schon bizarren Geschichte.

Obwohl mir die neuen Charaktere durchaus gut gefallen wurmt mich etwas. Ich musste nicht lang überlegen, an welchen Charakter mich Marie Akikawa erinnert. Relativ schnell kam ich auf die etwas ältere Eriko Fukada (oder auch Fukaeri) aus Murakamis 1Q84. Insgesamt agiert Marie freundlicher und weniger wirr, in ihren Zügen ähneln sich beide Mädchen aber sehr. Ein wenig zu sehr? Noch immer bin ich mir da nicht so ganz sicher. Einer der mindestens drei Gründe, wieso ich diese Rezension in zwei Teile aufteile. Obwohl Murakami es liebt, ja, auch dies ist ein Merkmal seiner Schreibkunst, mit wiederkehrenden Themen und Stilmittel (Musik, Frauen, Essen, Surrealismus und skurrile Charaktere) zu spielen, so komme ich nicht umhin, Marie als eine seiner weniger kreativen Schöpfungen zu bezeichnen. Wer Fukaeri aus 1Q84 kennt, der wird ein wenig Eigenständigkeit bei Marie vermissen. Umgekehrt funktioniert es vermutlich genau so. Wer erst durch den Commendatore auf 1Q84 aufmerksam wird, der wird bei Fukaeri wohl ein ähnliches Déjà-vu empfinden.

Abgesehen davon bleibt Band 2 eine ziemlich unberechenbare Angelegenheit. Der Band ist zwar eine klassische Weiterführung des ersten Teils, aber Murakami führt seine Leser diesmal wesentlich tiefer in den Kaninchenbau. Was die Protagonisten dieser Geschichte dort erleben werden, darauf werde ich im nächsten Teil meiner Besprechung eingehen. Es gibt einige Passagen, die ich davor gerne noch einmal lesen und genauer unter die Lupe nehmen möchte. Band 2 des Commendatore agiert auf vielen Schichten verschiedener Realitäten und ich habe aktuell meine Freude daran, noch ein wenig weiter darüber zu philosophieren. Man wird mein Resümee also hier schon ungefähr erahnen können. Bereits jetzt steht fest, "Die Ermordung des Commendatore" wird wohl einer der außergewöhnlichsten Beiträge aus der Literatur in diesem Jahr für mich sein.


Fortsetzung folgt

Dienstag, 17. April 2018

Klassiker-Rezension: Der Bergmann (Natsume Sōseki)

 







Japan 1908

Der Bergmann
Originaltitel: Kōfu
Autor: Natsume Sōseki
Verlag: DuMont, be.bra (Hardcover ohne Vorwort)
Vorwort: Haruki Murakami
Übersetzung: Franz Hintereder-Emde, Ursula Gräfe (Vorwort)
Genre: Gesellschaftsdrama


"Der Bergmann" von Natsume Sōseki ist bereits als gebundene Ausgabe im Jahr 2016 beim be.bra Verlag erschienen. Schon damals fasste ich den Roman in mein Blickfeld, leider aber war die Ausgabe für einige Zeit nicht erhältlich und ist anschließend von meinem Radar verschwunden. Vor etwas über 4 Wochen ist die Neuausgabe beim DuMont Buchverlag als handliches Taschenbuch mit neuem Cover erschienen. Die Neuausgabe basiert hier auf der bereits bekannten Übersetzung von Franz Hintereder-Emde, jedoch gibt es exklusiv bei der Ausgabe von DuMont ein nettes Extra. Nämlich das ausführliche Vorwort von Haruki Murakami. Übersetzt wurde dieses von Murakamis deutscher Übersetzerin Ursula Gräfe und Stammleser werden sich hier sofort heimisch fühlen. Murakamis Bezug zur japanischen Literatur ist nicht die größte Liebschaft. Das Werk Natsume Sōseki hingegen schätzt der Autor enorm, ein Fakt, der schon lange öffentlich bekannt ist. Für "Der Bergmann" hatte er Ende 2014 ein ausführliches Vorwort geschrieben. Murakami selbst zählt den Bergmann zu einem literarischen Highlight, geht aber auch offen kritisch auf das Spätwerk von Natsume Sōseki ein. Der japanische Autor geht hier noch sehr ins Detail und liefert viele interessante Einblicke in die Geschichte, sowie aber auch in die Entstehungsgeschichte des Romans. Murakami geht allerdings auch auf das Ende der Geschichte ein, vielleicht wäre es daher nicht verkehrt, sich dieses Vorwort als Nachwort aufzubewahren (funktioniert auch so herum).

Wie schon in meiner Einführung dieser Besprechung erwähnt, "Der Bergmann" ist ein Spätwerk des Autors, veröffentlicht rund 8 Jahre vor seinem recht frühen Tod mit 49 Jahren. Im Vorwort geht Murakami darauf ein, dass der Roman ziemlich experimentell ist und keinem festen Plot folgt. Zur Zeit der Veröffentlichung war Natsume Sōseki bereits Vertragsautor und dem Verlag ein weiteres Werk schuldig. Ein junger, ehemaliger Minenarbeiter der Kupfermine von Ashio bot der Asahi Shimbun an, seine Story zu verkaufen. Was dann folgte ist heute nicht mehr wirklich zurückzuverfolgen. Der Minenarbeiter erzählte Sōseki die Geschichte und dieser verwendete sie für seinen eigenen Roman. Wie viel letztendlich von der Geschichte des jungen Mannes in Sōsekis Roman eingeflossen ist, dies bleibt Spekulation aber man kann davon ausgehen, dass es nicht mehr als die Umrisse sind. "Der Bergmann" stieß in Japan zur Veröffentlichung auf heftige Kritik, ein Grund dafür ist unter anderem der nicht gerade nahbare und sympathische Ich-Erzähler. Doch genau in diesem Punkt muss ich persönlich widersprechen. Der Erzähler ist vermutlich genau so ein Charmebolzen wie J.D. Salingers Holden Caulfield aus "Der Fänger im Roggen". Und dennoch ist es seine rücksichtslose Ehrlichkeit, die ich dem Erzähler hoch anrechne. Zusätzlich sind etliche seiner Schilderungen auch noch mit einem herrlich trockenem Humor versehen, der mich das ein oder andere mal zum schmunzeln brachte.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht hier der von mir angesprochene Ich-Erzähler. Aus gutem Hause kommt er, doch bewegte ihn etwas, aus seinem behütetem Heim in Tokyo fortzulaufen und sich auf ein unbestimmtes Ziel aufzumachen. Die Beweggründe für den Ausriss erfährt man später in der Geschichte (das weibliche Geschlecht ist hieran nicht unbeteiligt). Mit nichts weiter am Leib als einem Kimono und ärmlichen 32 Sen in seiner Geldbörse, marschiert der Erzähler planlos durch die Weltgeschichte. In Gedanken versunken weiß er nichts mehr so recht mit seinem Leben anzufangen und denkt selbst über den Freitod nach. Doch nach reichlicher Überlegung, kommt unser Erzähler zum Schluss: "Dafür lohnte es sich nicht zu leben, aber anders herum konnte ich mich auch nicht zum Sterben durchringen."
Das innere Zerwürfnis und die Sehnsucht an einen dunklen, menschenleeren Ort zu flüchten, zerbersten, als der Erzähler einer bizarren Gestalt begegnet. Findet der Erzähler das auftreten dieser seltsamen Person zu Beginn noch als unverschämt und penetrant als dieser ihn musterte, änderte sich diese Sichtweise, als der zwielichtige Mann ihn zu sich ruft. Unser Erzähler weiß zwar nicht so ganz, was er von ihm will, doch die Worte des Fremden spenden Trost und wecken die Lebensgeister in ihm. Der Fremde möchte ihm einen Job anbieten, einen Job in einer Mine. Ohne lange darüber nachzudenken (die Bezahlung ist unserem Erzähler völlig gleichgültig), nimmt er das Jobangebot an.

Unser Erzähler wird also Bergmann und lernt kurz darauf auch die harte Arbeit und das Klientel kennen, welches an dieser harten Arbeit beteiligt ist. "Der Bergmann" ist nicht nur der Abstieg in die tiefsten Tiefen einer Mine, es ist auch der Abstieg in das menschliche Unterbewusstsein. Wir lernen den Erzähler und seine Beweggründe besser kennen, zusätzlich erfahren wir, wieso er Tokyo mit so finsteren Gedanken hinter sich gelassen hat. "Der Bergmann" entfaltet sich hier besonders durch die Sichtweise des Erzählers zu den anderen Bergmännern zu einem Gesellschaftsdrama, was aber in keiner Sekunde melodramatisch oder theatralisch wirkt. Wie schon erwähnt, Sōseki folgt hier keinem festen Plot, aber diese Experimentierfreudigkeit machte für mich den Reiz der Geschichte aus und ließ mich enorm begeistert zurück. Auch das durch und durch offene Ende (welches nicht ganz so fies ist wie in "Kokoro") steht für Sōsekis Experimentierfreudigkeit.

Die Übersetzung von Franz Hintereder-Emde ist bestens bemüht darin, bei den Dialogen den recht eigenwilligen Stil einzufangen. Kompliziertere Begriffe befinden sich als Anhang auf den letzten Seiten des Buches. "Der Bergmann" lässt sich abseits einiger kultureller Begriffe absolut unbeschwert lesen, und erneut merkt man einem Roman von Natsume Sōseki nicht sein Alter an.


"Ich hatte bislang vorgehabt zu sterben. Ich hatte vorgehabt, wenn nicht zu sterben, an einen menschenleeren Ort zu gehen. Da mir das alles nicht gelang, sah ich mich veranlasst, für mein Weiterleben zu arbeiten. Geldmachen oder nicht, diese Frage war mir in dem Augenblick völlig egal. Und nicht nur jetzt, auch als ich noch meinen Eltern in Tokyo auf der Tasche lag, hatte ich nicht die Spur Interesse daran. Nicht nur das, Gewinnstreben als solches war mir zutiefst verhasst gewesen. Ich glaubte sogar, dass egal wo in Japan, ein jeder Mensch genau so dachte."



Resümee

Natsume Sōseki konnte bereits mit "Kokoro" viel Eindruck bei mir hinterlassen. Mit "Der Bergmann" wird dieser Eindruck noch einmal bekräftigt. Der Roman wird vermutlich eher die Zielgruppe "Fans der japanischen Literatur" bedienen und widersetzt sich zudem gängigen Erzählstrukturen. Das Vorwort von Haruki Murakami festigt aber auch noch einmal meine Annahme, dass hier auch Leser Murakamis etwas für sich entdecken könnten. Das Werk Murakamis ist ohne Zweifel geprägt von Sōsekis Erzählkunst. Für mich war es daher auch noch spannend, parallelen zwischen den beiden Autoren zu finden. Doch dazu mehr in einem kommenden Artikel.

"Der Bergmann" war eine außergewöhnliche Reise in das Werk eines herausragenden Autors. Es dauerte viele Jahre, bis der Roman seine verdiente Anerkennung in seinem Heimatland fand. In unseren westlichen Gefilden ist der Bergmann noch ein überraschend junger Roman, der erst in den letzten Jahren wirklich in Erscheinung getreten ist. Eine fantastische Gelegenheit, diesen Klassiker nun kostengünstig nachzuholen.