Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Dienstag, 27. Juni 2017

Zum 167. Geburtstag von Lafcadio Hearn: Gedanken und Eindrücke eines Lesers





Lafcadio Hearn
Vollständiger Geburtsname: Patricio Lafcadio Tessima Carlos Hearn (Πατρίκιος Λευκάδιος Χερν)
Japanischer Name: Koizumi Yakumo (小泉 八雲)
Geboren: 27.06.1850 auf Lefkas
Gestorben: 26.09.1904 in Tokyo
Genres: Kurzgeschichten, Romane, Reiseberichte
Lafcadio Hearn auf "Am Meer ist es wärmer": Die Versöhnung des Samurai (Rezension)




Über 100 Jahre nach seinem Tod hätte Lafcadio Hearn, Sohn eines irischen Militärarztes und einer griechischen Mutter, wohl nicht damit gerechnet, dass über seine Werke auch heute noch diskutiert wird. Hearn war zu Lebzeiten einer der Wegbereiter, auch nach seinem frühen Tod, dass die sperrige japanische Kultur sich dem Western angenähert hat, besser verstanden wurde und dieses Land, welches er so romantisch und mystisch in seinen Geschichten und Reiseberichten beschreibt, auf einmal für eine ganze menge Menschen sehr interessant wurde.

Lafcadio Hean war Schriftsteller, über Wasser hielt er sich jedoch viele Jahre als Journalist. Es war das Jahr 1890, als der Beruf den rastlosen Mann nach Japan schickte. Dort wurde er sesshaft, verliebte sich in das Land und seine zukünftige Ehefrau Setsu Koizumi. Noch zu Lebzeiten erlangte Hearn als Ausländer ein beachtliches Ansehen in Japan. Er reiste durchs Land und schrieb über seine Erfahrungen. Seine bekanntesten Werke, die Nacherzählung berühmter japanischer Geistergeschichten, die fanden auf eine überraschende art und weise ein breites Publikum. Dabei war Hearn nicht einmal vollständig der japanischen Sprache mächtig. Um die 15 Bücher verfasste Hearn über Japan, in seiner schriftstellerischen Karriere umfasst sein Werk über Japan den größten Teil seines Gesamtwerks. Im Alter von nur 54 Jahren verstarb Hearn an Herzversagen.


Das Lafcadio Hearn Museum (Koizumi Yakumo Kinekan) in Matsue (Präfektur Shimane)


Im wahrsten Sinne des Wortes "geistert" der Name Lafcadio Hearn schon lange in meinem Interessenbereich herum, in den Genuss eines vollständigen Bandes des Autors kam ich aber erst zu Beginn des letzten Jahres. "Die Versöhnung des Samurai" (erschienen beim Hibarios Verlag, Besprechung oben im Text verlinkt) war ein schauriges, aber gleichzeitig auch bezauberndes Lesevergnügen. Hearn selbst hat diese alten Geistergeschichten größtenteils nur selbst, auf seine eigene, westliche art und weise (ohne aber verwestlicht zu klingen) wiedergegeben. Dieser etwas westliche Einfluss könnte sogar der Faktor gewesen sein, wieso die Texte auch in Japan sich großer Beliebtheit erfreuten und alle Werke von Hearn auch in die japanische Sprache übersetzt wurden. Lafcadio Hearn war der japanischen Sprache nicht komplett vertraut, Hilfe bekam er daher oftmals von seiner Frau Setsu, die ihm einige der gruseligen Geschichten vortrug. Hearn war von den japanischen Geistergeschichten nicht nur fasziniert, er war sogar regelrecht besessen danach. Die Spannweite der gruseligen Geschichten reicht dabei von lustigen Erzählungen über phantasievollen Erzählungen bis hin zu teils sehr grausamen und traurigen Geschichten. Hearn wählte die Geschichten aus, die ihm selbst besonders gut gefielen. Die meisten dieser Geschichten überraschen den Leser am Ende immer mit einer gut platzierten Wendung.

Doch auch abseits der Geistergeschichten verfasste Hearn unglaublich interessante Werke. In "Japans Geister" (eine wundervolle Ausgabe erschienen bei "Die Andere Bibliothek") berichtet Lafcadio Hearn fast ausschließlich über seine persönlichen Erfahrungen in Japan. Hier glänzt Hearn als Schriftsteller und beinahe in Mark Twain Manier berichtet er unter anderem humorvoll über seine Zeit im alten Japan. Darüber hinaus verfasste Hearn auch noch lesenswerte Werke, die fernab der japanischen Kultur existieren (Chita. Eine Erinnerung an Last Island).

Wer beispielsweise einen Kindle besitzt, kann sich etliche von Hearns Werken direkt bei Amazon gratis als E-Book auf das Gerät laden. Deutschsprachige Printausgaben gibt es weitaus weniger, aber am Ende dieses Beitrags werde ich noch dementsprechende Verlage verlinken, die die Werke von Lafcadio Hearn in deutscher Sprache anbieten.



Abschließende Gedanken

Schriftsteller gehören zu der seltenen Gattung Mensch, die 167 Jahre oder älter werden können. Lafcadio Hearn hat sich mit seinen Werken diesen Platz in der Weltliteratur verdient. Besonders sollte man darauf aufmerksam machen, wie gut Hearns Texte auch außerhalb seiner berühmten Geistergeschichten sind. Obwohl es insgesamt nur 14 Jahre waren, die Hearn in Japan lebte, so liest man in jeder noch so kleinen Erzählung von der Faszination und Leidenschaft, die er für dieses Land übrig hatte. Seine Geschichten haben den Zahn der Zeit wundervoll überstanden. Freunde der japanischen Literatur, die Lafcadio Hearn noch nicht kennen, die können sich auf die eine oder andere Perle freuen.


Aus der eigenen Sammlung. Foto: Aufziehvogel




Lafcadio Hearn auf Deutsch (im Preis steigend):






Reportage über Lafcadio Hearn (Englisch)

Dienstag, 20. Juni 2017

Inside: Fuminori Nakamura - Der Dieb



Inside: Eine Zusammenfassung und Analyse zu "Der Dieb"
Auf Deutsch erschienen bei Diogenes.
Erschienen: 2009 in Japan. Übersetzung: Thomas Eggenberg




Über drei Jahre ist es mittlerweile her, wo ich mir vornahm, intensiver über ausgewählte Bücher zu schreiben. Damals war es Sputnik Sweetheart, ein kurzer Roman von Haruki Murakami, dem ich mich näher annahm und ein wenig ins Seelenleben dieser Geschichte blickte. Banana Yoshimoto mit "Ihre Nacht" sollte folgen, aufgrund von Zeitmangel und geringer Relevanz der Leser begrub ich aber weitere Pläne, die Rubrik fortzuführen.

Nun gab es aber erneut einen relativ kurzen Roman, der mich sehr begeistert hat. "Der Dieb", von Japans noch jungem Schriftsteller Fuminori Nakamura, beinhaltet alle Elemente, die dazu einladen, intensiver über das Buch zu diskutieren. Meine Besprechung zum Taschenbuch verfasste ich bereits ende April und kann hier eingesehen werden: Rezension

"Der Dieb" ist ein furioser Ritt. Das Buch ist mit etwas über 200 Seiten recht schlank (bei vielen japanischen Autoren ist dies meistens bereits die Standardlänge eines Romans), dennoch passiert auf jeder Seite etwas. Das besondere an dem Buch ist, es fühlt sich an, als würde man das Drehbuch zu einem Spielfilm lesen. Die Geschichte um einen Taschendieb, der immer tiefer in die japanische Unterwelt gerät, ist rasant erzählt, wirkt aber nie gehetzt. Auch wenn ich mir am Ende wünschte, der Roman hätte noch 20-30 Seiten mehr geboten, so bin ich mit dem Ausgang der Geschichte sehr zufrieden. Anders als bei einem Drehbuch gibt es hier aber dennoch die nötige Zeit, um sich in die Charaktere hineinversetzen zu können. Bei einem Drehbuch ist es meistens schwer, einen Bezug zu den Figuren aufzubauen und wird deshalb durch die Umsetzung als Film dann meistens kompensiert.

Da ich in dieser Analyse auf wichtige Einzelheiten im Buch eingehe und gleichzeitig auch über das Ende diskutiere, folgt an dieser Stelle nicht nur eine Spoiler-Warnung, wer nicht direkt auf den Link zu diesem Eintrag klickt, der wird, sollte er über die Startseite meinen Blog besuchen, den kompletten Text erst sehen, sobald er den Eintrag anklickt. Für die Leute, die direkt über eine Verlinkung einsteigen, vielleicht noch vorhaben, das Buch zu lesen, so wird die gestrichelte Linie den Abschnitt zu der eigentlichen Analyse nun trennen.

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Samstag, 17. Juni 2017

Einwurf: Es war einmal.....




Der berüchtigte Blog-Einwurf ist in den letzten Monaten ziemlich untergegangen. Eine Rubrik, für die niemand diesen Blog besuchen würde und die vermutlich weniger Interessenten findet, als ein Jahresabonnement für den Empfang des Staatsfernsehens aus Nordkorea. Dennoch liegt mir diese Rubrik sehr am Herzen. Aus zeitlichen Gründen müssen so einige virtuellen Pläne derzeit einen Platz auf den hinteren Reihen einnehmen.

Ein Thema, womit ich mich in diesem Einwurf befassen will, ist ein Klassiker der Literatur. Nimmt man es genau, hat sich dieses "Problem" auch noch auf vielen anderen Medien ausgeweitet. "Der Anfang einer Geschichte". Beinahe jede Geschichte beginnt so - "Es war einmal....."
Ob man nun ein Buch liest, einen Film schaut oder eine Serie startet, jede Geschichte muss einen Anfang haben. Viele Werke schaffen das ganz gut, andere wiederum tun sich mit dem Anfang einer Geschichte äußerst schwer. Der Pate 2 zum Beispiel hat, trotz seines Status als einer der besten Filme aller Zeiten, ein sehr großes Problem mit dem Tempo. In der Literatur ist der Beginn einer Geschichte aber noch einmal eine ganz andere Nummer. Obwohl ich einen Blog führe, dessen Hauptaugenmerk auf Bücher gerichtet ist, so bin ich dann am Ende doch kein fanatischer Leser, der wöchentlich 1-2 Bücher verschlingt. Jeden einzelnen Titel suche ich mir bewusst aus und nur die Titel, die mir außerordentlich gut gefallen haben, bekommen einen Besprechung spendiert. Von enorm langen Wälzern halte ich mich meistens distanziert, das gleiche gilt aber auch für Buchreihen, die mehrere Bände mit sich bringen.

Und so frage ich mich, besonders bei den langen Buchreihen, kann man nicht einfach bei Band 2 einsteigen? Mit Band 1 anzufangen bringt doch wieder so langwierige Prozesse mit sich! Es startet mit dem obligatorischem Prolog. Der Leser wird heiß auf das gemacht, was ihn erwartet. Der Prolog ist der Schlüssel zu jeder Geschichte. Doch dann folgt Kapitel 1. Oh ja, auf Kapitel 1 dürfte meistens nicht einmal der Autor selbst lust haben. Vielleicht ja auch ein Grund, wieso eine menge Autoren und Hobby-Schreiber meistens mit der Mitte oder gar dem Ende ihrer Geschichte beginnen. Da ich selbst einer dieser Hobby-Schreiber war, so war es für mich unmöglich, als mit etwas anderem anzufangen als Kapitel 1 (ich habe es mehrmals versucht). Grund dafür ist, ich hatte zum Beginn meiner eigenen Geschichten meistens nur eine rohe Skizze vor mir, in welche Richtung die Handlung verlaufen könnte. Dennoch könnte ich genau so gut sagen, ich hatte keinen blassen Schimmer, wie mein eigenes Werk verlaufen wird. Ein Aspekt, den man sich eigentlich nur bei Kurzgeschichten erlauben kann. Und, ehrlich gesagt, ich war schon immer ein bisschen mehr Fan der kurzen Geschichte, als von den wuchtigen, langen und ausführlichen Romanen. Die von vorn bis hinten genau durchdachten Romane mit Form und Struktur. Eine Kurzgeschichte hingegen kann unberechenbar sein, man kann experimentieren und es einfach drauf ankommen lassen. Kurzgeschichten genießen in Deutschland nicht unbedingt den besten Ruf. Eine menge Leser können sich auf ein kurzes Lesevergnügen nicht einlassen. Sie vermissen die ausführlich beschriebenen Charaktere und den gewohnten Aufbau einer langen Geschichte.

Und hier kommt der Bumerang zurück zu "Kapitel 1". Das erste Kapitel, der tatsächliche Auftakt einer Geschichte, das ist die erste Hürde, die der Autor und somit auch seine Leser zu bewältigen haben. Im Vorfeld weiß man, dass die Geschichte, die man gerade liest, erst einmal in die Gänge kommen muss. Man muss die Protagonisten und die Nebenfiguren kennen lernen, den Schauplatz und den berüchtigten MacGuffin, der die Geschichte vorantreibt. Packt man all diese Elemente zusammen, so kann der Auftakt einer Geschichte so langwierig wie nur möglich werden. Manchmal dauert er auch einen ganzen Band lang an, wenn es sich um eine Buchreihe handelt. Ein Problem, was besonders in der japanischen Light-Novel Industrie (Light Novel sind in der Regel kürzere Romane mit ausgewählten Illustrationen, die gerne mal weit um die 20 Bände beinhalten können). Da bei Light Novels häufig auch noch mit Klischees gespielt wird, so kann sich der Auftakt einer Geschichte oftmals als regelrechte Tortur entpuppen. Genau dieses Problem haftet auch dem ersten Band von Occultic;Nine an, der neuen Reihe von Steins;Gate Macher Chiyomaru Shikura. Alles, was ich gerade aufgezählt habe, haftet auch Band 1 von Occultic;Nine an. Der Band ist ein einziger großer Prolog, ab und an blitzt jedoch Potential auf, welches die Geschichte vorantreiben könnte, nur um ein Kapitel später wieder in alte Muster zu verfallen. Das Problem von Occultic;Nine wird schnell klar, besonders, wenn man das Nachwort des Autors liest, der offensichtliche Probleme mit der Geschichte zugibt. Chikura ist grundsätzlich ein Mann, der sich bei seinen Geschichten sehr gerne Zeit nimmt. Zeit, die er bei einer Light Novel nicht hat. Um dem besagten Problem von Occultic;Nine auf den Grund zu gehen, dies ist schnell geklärt. Genau wie bei "Das Lied von Eis und Feuer" von George R.R. Martin übernimmt in jedem Kapitel ein neuer Protagonist das Ruder (bei Occultic;Nine erfolgt die Erzählung zusätzlich aus der Ich-Perspektive). Während George R.R. Martin diese Erzählkunst durch Erfahrung bereits zum Beginn von Eis und Feuer perfektioniert hat, hatte er weniger Probleme, einen ansprechenden wie spannenden Auftakt zu liefern. Bei Occultic;Nine hingegen fühlt sich jedes neue Kapitel wieder wie Kapitel 1 an. Der Zähler wird praktisch nach jedem Kapitel wieder zurück auf 0 gesetzt. Dem Leser wird ein neuer Erzähler präsentiert und somit auch eine neue Geschichte. Sobald die Geschichte einen spannenden Punkt erreicht hat, wird sie auf 0 zurückgesetzt wenn im nächsten Kapitel entweder wieder ein neuer Charakter eingeführt wird, oder aber ein Erzählstrang fortgesetzt wird, der einfach nicht in die Gänge kommen will. Für den Leser kann dies eine unglaublich langwierige Angelegenheit sein, da dieser immer wieder erneut den Auftakt einer Geschichte lesen muss. Der gesamte erste Band wirkt somit wie eine wirre Aneinanderreihung zusammenhangsloser Geschichten, die, würde der Autor auf diese art der Erzählung verzichten, durchaus eine menge Potential birgt.

Und so komme ich zum Ende noch einmal auf den Ausgangspunkt dieses Einwurfs zurück. Kann man nicht einfach mit Band 2 anfangen? Kann man sich nicht einfach eine Zusammenfassung der bisherigen Ereignisse auf Wikipedia durchlesen und sich die ganzen Mühen rund um den Auftakt einer Geschichte sparen? Und, da ich es selbst schon mehrmals probiert habe bei der ein oder anderen bekannten Reihe, so kann ich diese Frage auch beruhigt mit "Nein" beantworten. Egal wie man es dreht und wendet, entweder kommt man trotz einer Zusammenfassung noch durcheinander oder aber man wird in der Fortsetzung förmlich dazu verleitet, sich den Auftakt durchzulesen. Der Vorteil, auf diese ungewöhnliche weise mit einer Buchreihe anzufangen, ist, man bekommt bereits einiges von den Protagonisten und Nebenfiguren mit und man wird nicht mehr so große Probleme damit haben, mit ihnen im ersten Band warm zu werden oder sie zu verachten. Letztendlich wird man sich aber wohl selbst eingestehen, es führt kein Weg an Kapitel 1 vorbei. Ob man es mag oder nicht, so beginnt eine Geschichte (in den meisten Fällen!) und selbst die besten davon hatten mit einem langwierigen Auftakt zu kämpfen. Als Leser muss man den langsamen Weg gehen, um einige Kapitel später in den vollen Genuss einer spannenden Geschichte zu kommen. Und so kann selbst der langweiligste Beginn einer Geschichte sich noch als literarischer Höhepunkt entpuppen. Denn man darf nie vergessen, jede noch so unbedeutende Geschichte beginnt mit "Es war einmal.....", auch, wenn diese drei Worte nicht dazu verpflichtet sind, sich auch jedesmal zu zeigen.

Freitag, 9. Juni 2017

Rezension: Denunziation (Bandi)




Da der Autor sein Werk anonym veröffentlicht hat, existiert kein Bildmaterial




Nordkorea circa 1990-1995

Denunziation
Originaltitel: Go-Bal
Autor: Bandi
Vorwort: Thomas Reichart
Nachwort: Do Hee-Yoon
Erschienen/Verlag: 05.02.2017 bei Piper
Übersetzung aus dem Koreanischen: Ki-Hyang Lee
Genre: Kurzgeschichten
Wissenswertes: Weiterleitung zu Piper



"Was war das für ein haariges Monster, das um sich brüllte, je einen Fuß auf den beiden höchsten Wohngebäuden der Stadt? Ja, natürlich, das war Eobi! In Todesangst sprang Kyeong-Hui auf die Füße und rannte so schnell sie konnte davon, ohne Plan und ohne Ziel. Zu ihrer großen Überraschung waren all jene, die zitternd vor Angst die Nasen an die Fensterscheiben ihrer bienenwabenähnlichen Wohneinheiten pressten, keine Menschen, sondern Feldhasen! Haha, was für ein Witz! Das waren doch nur Nagetiere aus einer Geschichte, die ihr Mann mit schöner Regelmäßigkeit erzählte. Das Seltsamste war, dass auch Kyeong-Hui plötzlich in einer dieser Waben kauerte, ohne zu wissen, wie sie dorthin gekommen war. Sie schaute sich um und entdeckte einen besonders stillen Hasen, der auf einem Bett in der Ecke des Zimmers schlief. Völlig bewegungslos lag er da und schnarchte mitleiderregend mit halb offenem Mund. Der Arme, auf der Flucht vor dem Schrei des Eobi war er sehr abgemagert. Sie sah näher hin. Warum standen denn die Schneidezähne so vor, aus dem Mund ihres Mannes? Auch das noch! Das war gar kein Hase, sondern ihr Mann!
>>Ma...mi...<<
>>Oooh... schlaf, schlaf weiter, mein Kleiner>>, murmelte sie mechanisch. Im Halbschlaf streichelte sie ihren Sohn, aber ihre Bewegung wurde immer langsamer. Trotz des tobenden Sturms senkte sich der Schlaf über die erschöpfte Stadt."
(Denunziation: Bandi. Verlag: Piper. Übersetzung: Ki Hyang Lee)



Wenn man einen Blog betreibt, der seinen Schwerpunkt auf Literatur aus Asien legt und diese besonders den Lesern nahelegen will, die vielleicht mal ganz versehentlich hier vorbei spazieren, dann wartet man immer auf ein Highlight, was es nicht alltäglich gibt und man den Lesern unbedingt präsentieren möchte. Aber besonders in der Literatur war alles schon einmal irgendwie da. Literatur aus den unmöglichsten Ländern, Nationen und Gesellschaften. Alles schon einmal da gewesen. So ist es ausgerechnet ein Beitrag aus Nordkorea, mit dem wohl niemand so wirklich rechnen darf. Klar, es gibt genug Bücher über Nordkorea, genügend Autoren mit Herkunft aus Nordkorea, die ihr Werk nach ihrer Flucht in Südkorea verfasst haben (meistens nicht einmal Belletristik sondern häufig handelt es sich hier um Autobiografien und Reportagen). Belletristik, auch noch verfasst im Land des Flüstern, so etwas ist tatsächlich eine literarische Seltenheit. Eine solche Seltenheit, dass der Autor, der die sieben Kurzgeschichten in diesem Band verfasst hat, anonym bleiben will und unter einem Pseudonym schreibt. Die Identität von Bandi (deutsch: Glühwürmchen) ist selbst Nordkorea-Experten ein Rätsel. Wie diese Kurzgeschichten in die Hände einer südkoreanischen Hilfsorganisation gelangten, liest sich mindestens so abenteuerlich wie ein Spionageroman. Doch hier handelt es sich um die Realität, zumindest ist sich da die Mehrheit sicher. Obwohl sich selbst Experten um die Authentizität dieses Buches einig sind, so wird es immer ein gewisses Maß an Restzweifel geben. Es wird nie eine hunderprozentige Sicherheit geben, ob es jemals einen Autor aus Nordkorea gibt/gab, der diese Kurzgeschichten zwischen dem Ende der 80er bis in die Mitte der 90er verfasst hat. Aber vermutlich ist es genau sogar dieser Aspekt, der "Denunziation" so viel Aufmerksamkeit zukommen lässt und zu einem Gesprächsthema gemacht hat.

Denunziation ist bereits 2014 in Südkorea erschienen. Bandis Biografie wie aber auch die Texte wurden nachträglich bearbeitet, um sämtliche Verbindungen zu der Person hinter dem Pseudonym zu tilgen. Die inhaltlichen Änderungen der Geschichte belaufen sich auf Änderungen von Namen und Städten. Mit Ausnahme dieser kleinen Änderungen, um die Identität des Autors zu schützen, versprach die Organisation, dass es darüber hinaus keine weiteren Anpassungen gab. Liest man sich durch die insgesamt sieben Kurzgeschichten, so dürfte auch der Leser nur noch wenige Zweifel an die Authentizität des Autors hegen. Von Beginn an muss angemerkt werden, jede einzelne Geschichte ist dem Regime gegenüber kritisch eingestellt. Diese Kritik gegenüber der seltsamen Diktatur aus Nordkorea wirkt aber nie aufgesetzt oder erzwungen provokant. Mit feiner Prosa erzählt Bandi hier Geschichten, die Menschen, haben sie sich noch nie mit dem Thema Nordkorea befasst, für fantasievolle Märchen halten könnten. Mit einer Portion Humor, Sarkasmus aber auch der nötigen Ernsthaftigkeit zeichnet Bandi ein Bild, was zum Ende der Herrschaft von Kim Il-Sung (verstorben 1994) entstanden ist. Wie beklemmend und paranoid das Leben in der Hauptstadt Pjöngjang sein kann, dies beweist besonders die Geschichte zum Auftakt, "Die Stadt der Gespenster". Im Fokus steht eine junge Mutter mit ihrem kleinen Sohn, der anscheinend einige Neurosen seines ängstlichen Vaters übernommen hat. In der Wohnung muss die selbstbewusste Kyeong-Hui die Fenster abdecken, damit der Junge nicht die riesigen Porträts von Marx und dem geliebten Führer Kim Il-Sung an den Hochhäusern sieht. Beim Anblick dieser Porträts verfällt der Junge in Panik und beginnt fürchterlich zu weinen. Dieses Verhalten wird für Kyeong-Hui und ihrer Familie aber noch einige weitere, verheerende Probleme mit sich bringen. Das ende dieser Kurzgeschichte ist im wahrsten Sinne des Wortes bittersüß und verhängnisvoll.

Bandis Geschichten sind immer wieder gespickt mit fantasievollen Passagen und Metaphern. In der zuletzt erwähnten Geschichte war es "Eobi", ein böses Monster, das unartige Kinder heimsucht. Die Geschichten sind alle leicht zugänglich und könnten besonders auch die Leute überraschen/interessieren, die sich mit den Sitten dieses abgeschotteten Landes bisher noch nicht beschäftigt haben. Für die leichte Verständlichkeit geht das Lob aber auch an die Übersetzerin Ki-Hyang Lee. Die erfahrene Übersetzerin und Verlegerin (Herkunft: Südkorea, Seoul) war hier für die Übersetzung der Ausgabe verantwortlich, die 2014 in Südkorea veröffentlicht wurde. Da das Buch auch in den USA erschienen ist, hätte man auch auf eine englischsprachige Ausgabe zurückgreifen können, doch der Piper-Verlag hat sich, glücklicherweise, dagegen entschieden.




Resümee

"Denunziation" von Bandi ist für mich die Überraschung der ersten Jahreshälfte. Jede Geschichte weiß zu überzeugen, am Ende war ich sogar wehmütig, dass diese Reise durch ein uns so fremdes Land vorbei war. Bedenkt man aber, unter welchen Umständen diese Geschichten entstanden sein müssen und wie alt sie mittlerweile schon sind, so können wir ausländischen Leser jedoch froh sein, überhaupt in den Genuss dieser Kurzgeschichten kommen zu dürfen. "Denunziation" regt zum nachdenken an, jede darin enthaltene Geschichte besitzt aber auch das Potential, seine Leser zu unterhalten. Trotz all der Gesellschaftskritik handelt es sich hier unverkennbar nicht um eine Autobiografie. Und genau dieser Aspekt macht Bandis Kurzgeschichten zu so einer Besonderheit. Besonders aufgrund der Aktualität ein unglaublich wichtiges Buch.

Mittwoch, 31. Mai 2017

Rezension: Into the Water (Paula Hawkins)







Großbritannien 2017

Into the Water
Autorin: Paula Hawkins
Verlag: Blanvalet
Übersetzung: Christoph Göhler
Veröffentlichung: 24.05.2017
Genre: Mystery, Thriller




"Ich lenkte den Wagen an den Straßenrand und schaltete den Motor aus. Dann sah ich auf. Dort waren die Bäume und hier die Steinstufen, vermoost und tückisch nach dem Regen. Sämtliche Härchen an meinem Körper stellten sich auf. Woran ich mich erinnerte: An den eisigen Regen, der auf den Asphalt trommelte, die zuckenden Blaulichter, die im Wettstreit mit den Blitzen den Fluss und den Himmel erhellten, Atemwolken vor verängstigten Gesichtern und den kleinen Jungen, der bibbernd und weiß wie ein Gespenst von einer Polizistin die Stufen zur Straße hinaufgeführt wurde. Daran, wie sie seine Hand umklammert hielt, wie sie sich mit großen, wilden Augen umschaute und den Kopf hin- und herwandte, während sie irgendwen rief. Noch heute kann ich fühlen, was ich damals fühlte, Grauen und Faszination zugleich. In meinem Kopf höre ich dich immer noch sagen: Wie das wohl sein muss? Kannst du dir das vorstellen? Zusehen zu müssen, wie deine eigene Mutter stirbt?"
(Into the Water: Paula Hawkins. Verlag: Blanvalet. Übersetzung: Christoph Göhler)



"Into the Water" von Paula Hawkins fiel mir beinahe zufällig in die Hände. Geplant war der Titel und die anschließende Besprechung für eine Gast-Autorin, die für "Am Meer ist es wärmer" bereits eine Rezension zu "Girl on the Train" verfasst hat. Aus zeitlichen Gründen musste die Rezensentin mir aber absagen und so blieb Into the Water auf meinem Schreibtisch liegen. Somit fiel der Titel auf meinem eigenen Stapel. Obwohl ich Gillian Flynns "Gone Girl" als sehr gelungen erachte, bin ich nun auch kein passionierter Leser von Thrillern weiblicher Autorinnen. Dass mich dieses Metier aber durchaus auch begeistern kann, dies hat zuletzt erst "Geständnisse" der japanischen Autorin Kanae Minato bewiesen. Ob Paula Hawkins neuster "Spannungsroman" mich begeistern konnte, erfahrt ihr jetzt.

Ein guter Titel ist die halbe Miete, heißt es..... oder auch nicht. Paula Hawkins hätte ihren Roman wohl lieber "Drowning Pool" genannt, wenn dies nicht unbedingt Probleme mit Urheberrechten und anderen Querelen mit sich bringen würde. Den Titel "Into the Water" kann ihr daher doch logischerweise nur ein Redakteur zugespielt haben, denn an größerer Ideenlosigkeit ist dieser langweilige Titel für einen umfangreichen Roman kaum zu überbieten. Wiederum, Girl on the Train ist auch nicht gerade ein Titel, der von Einfallsreichtum strotzt. Am wichtigsten ist jedoch, ob der Inhalt überzeugen kann. Nach dem sensationellem Erfolg von Girl on the Train hätte die Autorin ihren neusten Roman auch "Dead Body in the Water" nennen können und keinen hätte es gekümmert, denn eine feste Leserschaft war Paula Hawkins von vornherein sicher.

Into the Water beginnt nicht so, wie man sich den typischen Mystery-Thriller vorstellt. Der Prolog erinnert sogar ein wenig an die Eröffnungssequenz des Pilotfilms von Twin Peaks, die die Zuschauer durch ihre kryptische art und weise auch sehr überrascht haben dürfte. Die Geschichte beginnt im Jahr 2015 und Jules (ein Kosename für Julia) berichtet über eine Person, die ihr anscheinend mal sehr nahe stand. Trauer vermischt sich mit Wut und ihren Worten merkt man sofort an,  die Frau pflegte ein sehr zerrüttetes Verhältnis zu dieser Person. Die Feder wird an Josh weitergereicht, ein junger Mann, der wartet, dass seine Mutter heimkehrt, die, seit dem Tod ihrer Tochter, gerne mal nächtliche Spaziergänge unternimmt. Als sie am Morgen zurückkehrt und sich ins Haus schleicht, geht sie die Treppen zum Schlafzimmer hinauf und weckt ihren Mann, ihr Sohn Josh folgt ihr dabei heimlich. Als ihr Mann Alec aus einem tiefen Schlaf erwacht, macht seine Frau ihm die traurige Kunde, die Leiche von Nel Abbott sei vor einigen Stunden gefunden worden. Erneut wechselt die Erzählung zu Jules, die sich der Polizei als die Schwester der Verstorbenen vorstellt.

Es dauert um die 50 Seiten, bis für den Leser wirklich klar wird, um was es in dieser Geschichte geht. Durch die kryptische, sehr unkonventionelle Erzählweise gewinnt die Geschichte schnell an Fahrt. Einige Leser könnte so ein Stil vielleicht überfordern oder abschrecken, ich hingegen war überraschend angetan. Alle 5-10 Seiten (zum größten Teil der Geschichte zumindest) wechselt der Erzähler, was eine Besonderheit ist aufgrund der Kürze der jeweiligen Parts. Dabei wechselt die Erzählung auch gerne mal vom Ich-Erzähler zum Erzähler aus der dritten Person. Meine Sorge, dieser Stil könnte sich irgendwann abnutzen und langweilig werden, hat sich nicht bewahrheitet. Erst die vielen kleinen Geschichten ergeben gemeinsam ein großes Gesamtwerk, was äußerst gut durchdacht ist, aber leider auch nicht völlig ohne bekannte Klischees auskommt. Von Themen wie Feminismus möchte ich mich aber dennoch distanzieren, da diese Debatte auch wieder einmal auf der Agenda stand. Dass das Buch eher eine weibliche Leserschaft anpeilt, dürfte jetzt keine besonders große und überraschende Offenbarung sein.



Resümee

Paula Hawkins Stil sorgte bei mir für eine Überraschung. Die sich stets abwechselnden Erzähler(innen) sorgen für Spannung, Mysterien und eine menge Konfusion. Man kann nicht allen trauen, keiner sagt die Wahrheit und jeder ist mal wieder irgendwie verdächtig. Die Zutaten sind alle bekannt und wurden nicht neu erfunden, aber wie sie zusammengeführt wurden ergibt durchaus ein recht erfrischendes Konzept. "Into the Water" ist erst der zweite Mystery-Thriller von Paula Hawkins und ihr Stil scheint sich etabliert zu haben. Abgesehen von der Nutzung einiger etwas zu abgedroschener Klischees und einer kleinen Überlänge ist in dieser Geschichte alles an seinem Platz. Genau da, wo es hingehört. Paula Hawkins scheint gerne die zerstörten Teile einer Vase wieder zusammenzusetzen, aber nicht, ohne dem bekanntem Objekt noch ein eigenständiges Markenzeichen zu hinterlassen.