Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Donnerstag, 23. März 2017

Rezension: Lebensgeister (Banana Yoshimoto)


(Foto: © Jayne Wexler)




Japan 2011

Lebensgeister
Originaltitel: Sweet Hereafter
Autorin: Banana Yoshimoto
Verlag: Diogenes
Übersetzung: Thomas Eggenberg
Genre: Drama, Slice of Life



"Das benachbarte Apartmenthaus war so dicht an meine >>Villa<< herangebaut, dass sich vor dem seitlichen Fenster meines Zimmers eine Wand befand. Neugierig streckte ich den Kopf hinaus. Schräg gegenüber war ein Fenster. Von dort hörte ich winselnde Schreie, wie von einer Katze. Unwillkürlich dachte ich, jetzt hat dich die Geisterwelt wieder. Ich lauschte mit angehaltenem Atem. Es waren aber nur die Laute eines Paares, das sich miteinander vergnügte. Ob in Wirklichkeit oder in einem Porno, wusste ich nicht. Eine Frau stöhnte und keuchte heftig. Gedankenverloren hörte ich dem Treiben zu und fühlte mich auf einmal einsam. Nicht nur mein inneres Sträuben gegen zu viel körperliche Nähe - auch dass die Schreie keinerlei Lust weckten, ließ in mir meine Verlassenheit umso deutlicher bewusst werden. Nachts allein am Fenster zu stehen und ins Dunkel hinauszustarren - wie traurig ist das denn?, flüsterte ich vor mich hin. Die Traurigkeit schien geradezu physisch in mich einzudringen."
(Lebensgeister: Banana Yoshimoto. Verlag: Diogenes. Übersetzung: Thomas Eggenberg)



Liest man sich die Inhaltsangabe von Banana Yoshimotos verträumten Kurzroman "Lebensgeister" durch, könnte so mancher Leser, unvertraut gegenüber der Autorin und der japanischen Literatur an sich, denken, hier handle es sich um ein Werk welches in die Richtung Paulo Coelho trifft "Ghost - Nachricht von Sam" geht. Doch weder ist "Lebensgeister" entspanntes flanieren auf der Esoterik-Meile, noch wartet in der Mitte des Buches Whoopi Goldberg auf den verunsicherten, vielleicht sogar verstörten Leser und überbringt der nicht minder verdutzten Protagonistin der Geschichte Nachrichten ihres verstorbenen Lovers. Nein, "Lebensgeister" schlägt tatsächlich in eine ganz andere Kerbe. Hier handelt es sich um einen feinen, kurzen Roman, wie er nur aus Japan kommen kann. Oder, noch besser, wie ihn vermutlich nur Banana Yoshimoto schreiben kann. Irgendwo mal wieder angesiedelt zwischen der realen Welt, der Welt des Traumes und der Welt der Toten, da wandelt ihr 2011 in Japan veröffentlichter Roman "Lebensgeister", der in seinem Heimatland unter dem Titel "Sweet Hereafter" bekannt ist. Eine kleine Rarität, dass die Autorin hier einen komplett englischen Titel verwendet hat. "Lebensgeister" berichtet von dem Verlust eines geliebten Menschen, den Start in ein neues Leben und ganz besonders: Fernweh und Sehnsüchte.

Lover Lover Lover

Mit jenem bekannten Song von Leonhard Cohen beginnt die Geschichte. Im Mittelpunkt steht die junge Sayoko, die nach einem Autounfall um ihr Leben kämpft. An einem wunderschönen Sommerabend in Kyoto kommen Sayo und ihr Partner von der Straße ab, ihr Auto überschlägt sich und wird über eine Uferböschung geschleudert. Sayo bemerkt, wie sich eine rostige Eisenstange in ihren Bauch gebohrt hat, sie verliert das Bewusstsein und bucht einen Kurztrip ins Jenseits. Dort angekommen trifft sie sogleich auf ihren geliebten Hund, der vor einigen Jahren verstorben ist. Kurz darauf kommt auch noch Sayos längst verstorbener Opa, ein zu Lebzeiten geselliger und offener Mensch, auf seiner Harley angebraust und nimmt seine Enkelin auf eine kleine Spritztour mit. Sayoko, die sich mit ihrem Ableben unlängst abgefunden hat und allmählich beginnt, sich mit dieser unwirklich schönen Welt zu arrangieren, bekommt von ihrem Großvater jedoch mitgeteilt, ihre Zeit sei noch nicht gekommen und sie müsse zurück in die Welt der Lebenden. Ihr Lebensgefährte jedoch, teilt ihr Großvater seiner Enkelin mit, der habe den schweren Unfall nicht überlebt. Wie aus einem Fiebertraum erwacht Sayoko im Krankenhaus. Von einer schweren Bauchwunde und tiefer Trauer über den Verlust ihres Lebensgefährten gezeichnet, beginnt für die junge Frau ein langer Weg der Rehabilitation in ein neues Leben. Nicht nur ihre körperlichen Wunden müssen heilen, auch ihre mentalen Wunden haben einen langen Weg der Heilung vor sich.

Mit gerade mal etwas über 150 Seiten ist "Lebensgeister" ein eher kürzeres Lesevergnügen, welches man sich vielleicht besser gut aufteilen sollte. Die Autorin ist sowieso nicht für ausufernd lange Romane bekannt. Der Leser wird nach der Lektüre aber feststellen, diese Geschichte hat keine Seite zu wenig und keine Seite zu viel. Die Geschichte von Sayo folgt nicht unbedingt einem roten Faden. Viel eher erinnert das Buch an eine Dokumentation, in der ein Team von Kameraleuten einer Person über einen Zeitraum von mehreren Tagen folgt und ihr tägliches Leben dokumentiert. Die übernatürlichen Elemente implementiert Banana Yoshimoto so elegant in ihre Geschichte, als würden sie zum ganz normalen Alltag der Menschen gehören. Sayo nimmt ihr Schicksal an und, obwohl sie es befremdlich findet, die Erscheinungen verstorbener Menschen zu sehen, so entwickelt sich relativ schnell eine Routine in ihrem Leben. Geschuldet ist diese Unbekümmertheit unter anderem auch ihrer Nahtoderfahrung.


"In dem Moment, als mir bewusst wurde, dass es auch für mich kein Entkommen gab, dass ich weder entkommen konnte noch wollte, verstand ich zum ersten Mal den Sinn jener Worte: Du hast den Nabel verloren. Die Vertrautheit mit dem Tod ähnelt stark dem Gefühl, das dich nachts in einer Herberge überfällt, am Ziel deiner Reise, mutterseelenallein, und du hast vergessen, woher du eigentlich gekommen bist."(Lebensgeister: Banana Yoshimoto. Verlag: Diogenes. Übersetzung: Thomas Eggenberg)


Die üblichen Themen, die man in den Romanen von Banana Yoshimoto findet (Melancholie, Einsamkeit, Sehnsüchte), die findet man natürlich auch in "Lebensgeister" wieder. Anders aber als in, beispielsweise, "Ihre Nacht", ein Roman, der mir das ein oder andere Problem bereitete, wirkt "Lebensgeister" strukturierter, durchdachter und verzichtet auf komplizierte Beziehungen unter den Charakteren. Was aber nicht bedeutet, dass es in "Lebensgeister" keine interessanten Charaktere gibt. Sayoko selbst war mir auf Anhieb sympathisch. Nach dem Tod ihres Lebensgefährten ist es für sie beinahe noch unmöglich, an eine neue Beziehung zu denken. Dennoch gibt es zwei Männer in ihrem Leben, zu denen sie sich seit dem Tod ihres Partners hingezogen fühlt. Der emotionale Barbesitzer Shingaku mit seinem Okinawa-Temperament, der emotional relativ nah am Wasser gebaut zu sein scheint, und der homosexuelle, ebenfalls Bar-Besitzer, Ataru, mit dem Sayoko praktisch durch einen Zufall Bekanntschaft macht. Anders als es einige Leser aber erwarten würden, entsteht hier keine Dreiecksbeziehung mit viel Drama und Kitsch. Die Charaktere interagieren stattdessen viel natürlicher untereinander. Sie alle wissen, eine Liebesbeziehung zu Sayo könnte ihre Bindung zur jungen Frau komplett zerstören. Genau aus diesen Gründen wirken die Protagonisten der Geschichte menschlich und man kann sich gut in sie hineinversetzen.

Auch die Übersetzung ist einmal mehr eine separate Erwähnung wird. Fand ich die Übersetzung von Thomas Eggenberg in "Ihre Nacht" noch ein wenig befremdlich damals, so habe ich mich, auch rückblickend gesehen, sehr mit den Übersetzungen des Schweizers angefreundet. Nicht nur liest sich die Übersetzung sehr flüssig in einer leicht verständlichen, lockeren Ausdrucksweise, auch sind etliche interessante Anmerkungen des Übersetzers zu Referenzen aus dem Bereich Kultur und Popkultur enthalten, die die Leser durch die Geschichte führen.



Resümee

"Lebensgeister" ist Banana Yoshimotos Liebeserklärung an Kyoto. Man kann ihre Leidenschaft und Verehrung dieser magischen Stadt der Tempel gegenüber auf jeder Seite spüren. Das Schicksal von Sayoko ist eng an diese Stadt gekoppelt. So viele unvergessliche Erinnerungen haften an diese Stadt. Diese Magie hat sich auch automatisch auf mich übertragen. Manche Szenen hatte ich regelrecht bildlich vor mir.

Letztendlich bleibt nicht mehr viel zu schreiben. "Lebensgeister" hat mich in den Stunden, in denen ich in das Buch eintauchte, vollkommen für sich eingenommen und mir bleibt kaum etwas anderes übrig, als mich zu wiederholen: So ein Roman, der kann nur aus Japan kommen. Alles, was die japanische Literatur so einzigartig macht, diese ganze Quintessenz, die ist in "Lebensgeister" enthalten.
Es ist eine Geschichte, die mit Leonard Cohen beginnt und mit dem Eröffnungslied zur Anime-Serie "Takarajima" (die älteren Lesern meines Blogs vermutlich als "Die Schatzinsel" bekannt ist) schließt. Ein wundervolles, rundes Ende, wonach sich selbst so manches Schwergewicht der Weltliteratur noch sehnt.






Mein bester Dank geht an Andrea von "Lohnt das Lesen", die mir "Lebensgeister" zur Verfügung gestellt hat.

Sonntag, 12. März 2017

Durchgesehen: The Art of Metal Gear Solid V






The Art of Metal Gear Solid V
Künstler: Yoji Shinkawa/Kojima Productions
Rubrik: Artbook
Verlag: Dark Horse (Bisher keine Veröffentlichung in Europa)
Sprache: Japanisch/Englisch



Wer mit Metal Gear Solid V auch fast 2 Jahre nach seiner Veröffentlichung noch immer nicht abschließen konnte, oder aber einfach atemberaubende Artworks und Designs bestaunen will, der bekommt mit "The Art of Metal Gear Solid V" eine letzte Zugabe geboten. Das etwas über 200 Seiten dicke Hardcover-Artbook umfasst eine riesige Sammlung an Konzeptzeichnungen, kunstvolle Artworks und gar unveröffentlichtes Material. Inwieweit hier Konami seine wachende Hand über dieses Artbook hielt, die Frage wird wohl ungeklärt bleiben, man kann aber davon ausgehen, selbst im Artbook wird sich nur ein Fingerhut voll von dem Material befinden, was es nie ins fertige Spiel geschafft hat.

"The Art of Metal Gear Solid V" ist insofern ein besonders interessantes Buch, da es veröffentlicht wurde, nachdem Publisher und Lizenzinhaber Konami die Verträge der Mitarbeiter von Kojima Productions nicht verlängert hat und das Gesamtwerk Metal Gear Solid V unfertig veröffentlicht wurde. Normalerweise sind Artbooks zu Videospielen kein Thema auf "Am Meer ist es wärmer", das in dem Buch abgedruckte Material macht das Buch aber zu etwas besonderem und ist sicherlich für Sammler, aber auch begeisterte wie enttäuschte Fans nicht uninteressant. Dementsprechend folgt nun ein kleiner Ausblick auf das Artbook zu Metal Gear Solid V, erschienen bei Dark Horse Comics am 15. November 2016.


(Foto: Aufziehvogel. Copyright: Konami/Dark Horse)



Obwohl sich Konami bereits vor etlichen Monaten von Metal Gear Schöpfer Hideo Kojima und seinem Studio Kojima Productions verabschiedet hat, kehrte für ein kleines Vorwort für das Artbook zumindest eine bekannte Person zurück: Yoji Shinkawa. Shinkawa debütierte im Metal Gear Franchise 1998 beim Sony PlayStation Debüt "Metal Gear Solid". Mit seinem ikonischem Stil prägte Shinkawa mit seinen Zeichnungen zu Charakteren und den gigantischen Mechs, sowie zahlreichen anderen Vehikeln zu Land und Luft, fortan die künstlerische Richtung der Reihe. Yoji Shinkawa setzte um, was Kojima forderte und die beiden wurden zu einem unzertrennlichem Team, welches auch privat eine enge Freundschaft pflegt. In einem kurzen Vorwort im Artbook richtet sich Shinkawa an die langjährigen Fans des Metal Gear Franchise und verabschiedet sich zudem noch einmal förmlich. Eine Möglichkeit, die sein Kumpel Hideo Kojima in der unschönen Schlammschlacht rund um Konami und Kojima Productions leider nicht mehr hatte.

Aufgeteilt ist das Artbook in mehrere Abschnitte. Da Metal Gear Solid V sowohl in "Ground Zeroes" als auch "The Phantom Pain" aufgeteilt ist, gibt es im Artbook zu beiden Geschichten ausgewählte Artworks, Designs aber auch Promo-Material zu sehen. In "The Art of Metal Gear Solid V" gibt es aber noch einen finalen Abschnitt. Einen Abschnitt, der gerade mal 3 Seiten umfasst, aber separat gelistet ist und für Fans besonders interessant sein dürfte, denn in diesem Abschnitt sehen wir Konzeptzeichnungen über den finalen Showdown des Spiels, der es aufgrund zu hoher Entwicklungskosten nicht mehr ins Spiel geschafft hat: "Kingdom of the Flies".


(Foto: Aufziehvogel. Copyright: Konami/Dark Horse)


Die Hauptkampagne von Metal Gear Solid V ist in 2 Kapiteln unterteilt (In den Daten der PC-Version haben sogenannte Data Miner sogar Hinweise auf ein drittes Kapitel mit dem Titel "Peace" gefunden). Während das mysteriöse dritte Kapitel wohl immer ein Mysterium bleiben wird, so ist die finale und 51. Mission im zweiten Kapitel sehr real. Kojima hatte sein Budget überschritten, Konami wollte nicht noch mehr Geld in Metal Gear Solid V investieren (angeblich belaufen sich die Produktionskosten auf 80 Millionen Dollar), drehte den Geldhahn zu und das Spiel endet abrupt kurz vor dem Ende des zweiten Kapitels. Die Entwickler versuchten jedoch, das beste draus zu machen und bauten gleich 2 Pseudo-Epiloge ein, die den Spielern ein Gefühl der Komplettierung vermitteln sollten. Dies funktionierte jedoch mehr schlecht als recht und viele Handlungsstränge und Entwicklungen wurden unklar und verkompliziert. All das hinterließ einen extrem faden Beigeschmack.

Da das Artbook von Konami abgesegnet ist und sämtliches Material von Konami freigegeben werden muss, bestätigt die Zugabe in "The Art of Metal Gear Solid V" ein weiteres mal, dass keiner der Verantwortlichen bisher so richtig mit dem Thema abgeschlossen hat. Das Artbook zeigt im letzten Abschnitt, genau wie das damals veröffentlichte Video, Konzepte zu dem nicht mehr realisierten Showdown. Das Material zu diesem Abschnitt hätte ruhig ein wenig üppiger ausfallen können, aber vermutlich kann man bereits sagen, man habe eher damit gerechnet, dass Konami dieses Thema komplett totschweigen würde. Sämtliche Konzepte, Designs und ein dazugehöriges Storyboard befinden sich nahe der Komplettierung, von den Entwicklern ist jedoch niemand mehr da, dieses Material zu vervollständigen und Konami selbst verfolgt keine Pläne, in Zukunft daran etwas zu ändern (für die Fertigstellung sind die ursprünglichen Mitarbeiter nicht einmal nötig, da alle wichtigen Inhalte bereits existieren).


(Foto: Aufziehvogel. Copyright: Konami/Dark Horse)



"The Art of Metal Gear Solid V" ist gespickt mit hunderten Artworks. Einige so detailliert und realistisch, man könnte meinen, man lese hier geheime Konzeptzeichnungen einer mächtigen Militärmacht. Viele Zeichnungen sind auch mit Kommentaren versehen, die meisten wurden jedoch nicht übersetzt und in der japanischen Sprache belassen. Einige wenige Kommentare und Begriffe aus dem Spiel findet man jedoch auch in englischer Sprache vor. Wieso man sich hier aber nicht mehr die Mühe gemacht hat, alle Kommentare zu übersetzen, was sicherlich kein großer Mehraufwand gewesen wäre, wird wohl ebenfalls ein Geheimnis bleiben. Hier können aber auch Lizenzprobleme vorliegen. Besonders zu einigen Konzepten, die es nicht ins Spiel geschafft haben, wäre ein übersetzter Kommentar sehr interessant gewesen.

Anzumerken ist übrigens noch, nicht alle Konzepte, die es in dem Artbook zu sehen gibt und nicht ins Spiel geschafft haben, seien Inhalte, die aus Kostengründen aus dem Spiel entfernt wurden. Wie es bei Filmen oder Videospielen oder sämtlichen anderen Medien übrig ist, kommen viele Ideen eines großen Projektes nicht über die Planungsphase hinaus und dienen einfach als interessantes Beiwerk, in welche Richtungen die Entwickler gedacht haben.

Egal, wie die Spieler sich von Big Boss verabschiedet haben, ob im Groll oder in Versöhnung, "The Art of Metal Gear Solid V" dürfte das letzte Abschiedsgeschenk aller an dem Franchise beteiligten Parteien gewesen sein. Sowohl für Konami als auch Kojima Productions ist es an der Zeit, in die Zukunft zu blicken. Im Artbook finden sich viele kleine Schätze, die entdeckt werden wollen. Und vielleicht denkt der ein oder andere beim durchblättern dieses Buches ja sogar ein wenig wehmütig auf seine Zeit zurück, als er mit Snake auf dem Pferd staubige Wüsten und dichte Dschungel durchquert hat und dabei die verrücktesten und kuriosesten Dinge getan und gesehen hat.

Da ich auch einer dieser Typen bin, die mit dem Spiel nie so wirklich abschließen konnten, möchte ich diesen Beitrag hier mit den Worten auf dem Klappentext des Artbooks beenden:

"Someday the world will no longer need us. No need for the gun, or the hand to pull the trigger... Another Mission, Right, Boss?"

Nun, die nächste Mission scheint gewiss gesichert zu sein wenn man sich Konamis neue Pläne ansieht. Viele Weggefährten des Franchise dürften nun aber wohl ebenfalls den wohlverdienten Ruhestand angetreten haben.


(Foto: Aufziehvogel. Copyright: Konami/Dark Horse)


(Foto: Aufziehvogel. Copyright: Konami/Dark Horse)


Hinweis: Alle hier präsentierten Bilder dienen der Berichterstattung zu dem Artbook "The Art of Metal Gear Solid V" im Vertrieb von Dark Horse Comics. Das Metal Gar Franchise stammt aus der Feder von Hideo Kojima und gehört Lizenzinhaber Koami. Die hier präsentierten Bilder dürfen nicht ohne Erlaubnis des Rechteinhabers verwendet werden.

Attention: The presented pictures serve for review purposes only. "The Art of Metal Gear Solid V" is published by Dark Horse Comics. The Metal Gear Franchise was created by Hideo Kojima and is under the license of Konami. Do not use these pictures without the permission of the license holder.

Donnerstag, 2. März 2017

Kishidancho Goroshi: Das neue Werk von Haruki Murakami feiert seine Veröffentlichung in Japan

(Quelle: The Asahi Shimbun)



Ich hoffe ich leiste mir nun bei dem Datum der Veröffentlichung keinen Fauxpas, denn, wenn ich richtig informiert bin, so ist der neue Roman von Haruki Murakami am 24.02.2017 in Japan erschienen. Bereits im Dezember kündigte Murakamis Verlag Shinchosha Publishing an, dass das neuste Werk des Bestsellerautors im Februar 2017 erscheinen würde. Wie immer erfolgte die eigentliche Veröffentlichung mehr heimlich als nach festem Muster geplant, und dennoch herrschte während des Mitternachtsverkaufes ein Ausnahmezustand in vielen japanischen Buchhandlungen.

Murakamis neuster Streich ist in zwei Bänden erschienen. Der Titel des Gesamtwerkes lautet "Kishidancho Goroshi", was ins englische übersetzt so viel wie "Killing Commendatore" (der "Commendatore" ist hier übrigens ein italienischer Begriff) bedeutet.

Die Japan Times berichtete über die jeweiligen Titel und dem mysteriösen Inhalt der beiden Bücher etwas genauer (Hinweis: Text nur in englischer Sprache):

The book is titled “Kishidancho Goroshi” (“Killing Commendatore”). Two volumes of the title, “Arawareru Idea” and “Utsurou Metaphor,” loosely translated as “Appearing Idea” and “Changing Metaphor,” were both released on Friday.
The latest book is of a man living in the mountains whose life starts to change after encountering the “Commendatore,” meaning commander in Italian.
Quelle: The Japan Times
 
Bereits bei seinem letztjährigen Besuch in Dänemark ließ Murakami bei einer Diskussionsrunde verlauten, sein neuer Roman würde erstmals wieder in der "Ich-Erzähler" Perspektive verfasst sein und es sich zudem inhaltlich um eine "sehr seltsame" Geschichte handle. Sowohl der Titel als auch der minimale Ausblick auf die Geschichte geben Anlass dazu, zu bestätigen, der Autor hat anscheinend Wort gehalten.

Bisher gibt es noch keinerlei Informationen zu einer Veröffentlichung außerhalb Japans. Man kann sich aber sehr sicher sein, Murakamis neuster und erster Roman seit "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" wird auch in deutschsprachigen Gefilden vermutlich in absehbarer Zeit eine Ankündigung erhalten.



 

Mittwoch, 22. Februar 2017

Junji Ito: Alpträume aus Tinte und Tusche



Wenn sich ein Künstler einen Horrorliteratur-Pionier wie H.P. Lovecraft und einen Horror-Mangaka wie Kazuo Umezu als Vorbild nimmt, der hat entweder die Möglichkeit, diese Ikonen zu kopieren, oder, sie zu übertreffen. Der gelernte Zahntechniker Junji Ito (53) hat sich dazu entschieden, den einen wie den anderen weder zu kopieren, noch zu übertreffen. Er hat sich dazu entschieden, noch weiter als diese Herren zu gehen. Eine Welt zu erschaffen, die man mit bloßen Worten bereits nicht mehr erklären kann. In seinen wirrsten, verrücktesten und bizarrsten Erzählungen haben die Kraft der Worte bei Lovecraft nicht ausgereicht, was die Illustrationen von Junji Ito so viele Jahre nach Lovecrafts Geschichten zeigen. Auch die Literatur kennt ihre Grenzen. Anders sieht es da schon bei dem Altmeister des Horror-Manga aus, Kazuo Umezu. Der Zeichenstil von Ito ist eine direkte Hommage an die Zeichenkunst Umezus, thematisch aber auch stilistisch geht Ito sogar noch eine Spur weiter als er. Wird es mir gelingen, die seltsam verstörende Welt von Ito zu erklären, oder können tatsächlich nur die Illustrationen selbst diesen Wahnsinn wiedergeben?




Während sich in Deutschland die Bekanntheit Itos größtenteils auf das Video eines hyperaktiven YouTubers beschränkt und deutsche Verlage auch nach 1-2 Anläufen es nicht geschafft haben, mit Itos Werken eine feste Leserschaft zu gewinnen, so bleibt der Mangaka im deutschsprachigen Raum eher eine Nische. In den USA hingegen sieht es da schon anders aus, erst in diesem Jahr sind sowohl von VIZ Media mit der Hardcover-Gesamtausgabe zu Tomie und Dissolving Classroom von Vertical Comics, zwei neue Veröffentlichungen erschienen (Tomie ist hierbei mehr eine schicke Neuauflage, die sich vom Design her an die anderen Hardcover-Ausgaben des Mangaka anpasst, die der Verlag bisher veröffentlicht hat).

Verwunderlich ist die eher zurückhaltende Einstellung gegenüber Ito nicht. Der deutsche Manga-Markt ist nicht sonderlich bekannt dafür, dass das Horrorgenre in den Regalen der Händler überquillt. Abseits davon legt Ito aber auch noch einmal eine Schippe von allem drauf, was andere Mangaka in dem Bereich so zeigen. Hier spielen nicht einmal grafische Illustrationen eine Rolle. Auch wenn Junji Ito für Body-Horror in Reinkultur steht, so sind es die Geschichten an sich, die die Leser häufig mit purer Verblüffung und einem Schauder zurücklassen. Im Genre der Kurzgeschichte fühlt sich Ito besonders wohl. Auch Itos Frühwerk, Tomie, die Geschichte über eine Schülerin aus der Hölle, die, sobald man sie ermordet und in Stücke hack, bald schon wieder zurückkehrt um neue Opfer heimzusuchen, besteht hauptsächlich aus Kurzgeschichten, die lose, beinahe ohne einem roten Faden folgend, miteinander zusammenhängen.

Von Itos Kurzgeschichten gibt es viele. Und so müsse man eigentlich meinen, hat man erst einmal 10-15 seiner Geschichten gelesen, würde man langsam ein Schema an seinem Stil erkennen. Doch genau hier kommt die Unberechenbarkeit ins Spiel. Während etliche von Itos Geschichten einen relativ ähnlichen Beginn haben, ja, sogar einem Muster folgen (männlicher oder weibliche(r) Protagonist(in), ein unerklärliches Ereignis, psychische Labilität des Hauptcharakters), so hat der Mangaka in seinen Stories immer wieder neue wahnwitzige, irrsinnige oder in einem positiven Sinne völlig absurde Wendungen auf Lager. Dies ist jedoch nur möglich, wenn man dieses Konzept auch in Illustrationen umsetzen kann. Zeichnungen, die mit Worten nicht zu beschreiben sind. Diese Kombination macht jede von Itos Geschichten zu einem Unikat.




Alltägliche Dinge driften in Juni Itos Welt zu unbeschreiblichen Alpträumen ab. In der Welt des Japaners gibt es keine Regeln und keine Gesetze der Biologie und Physik. Die Menschen könnten ihre Doppelgänger in Form eines Luftballon-Kopfes treffen, die sie gleichzeitig in ihr tödliches Verderben stürzen, sobald sie ihnen begegnen. Oder mutierte Fische mit mechanischen Prothesen, die ihnen dazu verhelfen, an Land laufen zu können um auf der Erde anschließend eine irre Apokalypse anzurichten..... all das könnte in einer Geschichte von ihm vorkommen. Zu versuchen, diese Geschichten in Worte zu fassen bringt aber relativ wenig, genau genommen, es ist unmöglich. Eine Inhaltsangabe oder ein Resümee einer Geschichte zu verfassen würden stupide und banal klingen. Wobei Banal hier gar nicht einmal das falsche Wort ist. Itos Geschichten haftet eine positive, eine wundervolle Banalität und Absurdität an, ohne die sein spezifischer Stil überhaupt nicht zur Geltung kommen würde. Itos Horror kehrt zu den Ursprüngen unser Ängste zurück. Ängste zeichnen sich in etwas aus, was wir mit Worten nicht erklären können. Hier verhält es sich ähnlich wie mi einer Phobie. Der Klassiker aller Phobien, die Phobie gegenüber Spinnen (zu dessen Anhängern ich leider auch gehöre), ist ein perfektes Beispiel. Die Ursprünge dieser Phobie und den Ängsten, die sie in Menschen auslöst, sind die acht Beine des Insekts. Der Mensch steht vor dem Rätsel, wie dieses Insekt sich auf acht Beinen bewegen kann. Er steigert sich in diese Gedanken rein und sieht, wie schnell und unberechenbar die Spinne sich mit diesen haarigen acht Beinen bewegen kann. Itos Horror baut auf genau diesen Urängsten der Menschen auf. Der Horror ist das Unerklärliche. Dies ist etwas, was es im neumodischem Horrorgenre schon lange nicht mehr gab. Zuletzt wurde aus filmischer Sicht dieser Aspekt eindrucksvoll von David Robert Mitchells "It Follows" bewiesen.




Genau so unberechenbar wie Itos Geschichten selbst sind seine Veröffentlichungen. Im Gegensatz zu anderen Mangaka ist es nicht selten, dass man von Junji Ito über Jahre nichts hört. Sein Hauptwerk besteht aus Kurzgeschichten, diese Kurzgeschichten werden relativ häufig gesammelt und als Anthologien veröffentlicht. Werke mit einer zusammenhängenden Geschichte wie Uzumaki oder Gyo sind eher Ausnahmen. Der Mangaka verrichtet seine Arbeit, wie es ihm passt. Allen voran, so meinte Ito in einem Interview in der BBC-Serie "Japanorama", zeichnet er für sich selbst. Zuerst einmal ist es wichtig, dass ihm seine Geschichten selbst gefallen. Ein Zitat, was undenkbar wäre wenn erfolgreiche Mangaka wie Masashi Kishimoto (Naruto) oder Hajime Isayama (Attack on Titan) so etwas von sich geben würden, die ihre Werke aufgrund eines stets wachsamen Redakteurs oder aber auch der Erwartungshaltung der Fans stetig und erheblich anpassen mussten und weit von der originalen, angepeilten Vision der Mangaka liegen.

Itos Werke zu verfilmen fand bisher auf einer eher kleinen Ebene statt. Zweimal durfte der japanische Filmemacher "Higuchinsky" ran, der bei der TV-Adaption zur Kurzgeschichte "Long Dream (Nagai Yume)" sowie dem Kinofilm zur Adaption von "Uzumaki" Regie führte. Higuchinsky hat es dabei relativ überraschend geschafft, obwohl sich besonders Uzumaki inhaltlich vom Manga abgehoben hat, Itos Horror unglaublich effizient umzusetzen. Eine völlige Entgleisung und ein großartiges Beispiel, wie man es falsch angeht, stellt die Anime-Adaption zu Gyo (Review) aus dem Jahr 2012 dar. Nicht nur verfälschte man Itos gesamten Stil (auch modernen Trends folgend bei dem Protagonist einen sogenannten "Gender-Swap" zu vollziehen), obwohl ein namhaftes Studio wie Ufotable am Werke war, wurde der relativ kurze Spielfilm auch noch mit unsäglichen CGI-Effekten vollgemüllt.

Ein relativ trauriges Ende fand das vielversprechende Reboot zum Silent Hill Franchise. Zusammen mit Metal Gear Schöpfer Hideo Kojima, Guillermo del Toro und Norman Reedus war Junji Ito als Designer für die Monster ein wichtiger Bestandteil dieser einzigartigen Kollaboration. Publisher Konami stampfte das Projekt jedoch ein. Einen kleinen Vorgeschmack auf Itos Designs gab es neben einer spielbaren Demo aber auch in einem kurzen Konzept-Trailer zu sehen.




Selbst die Pokemon Company konnte sich Itos bizarrer Welt wohl nicht entziehen. Beide hier präsentierten Artworks stammen aus Itos Feder und gelten als offizielle Zusammenarbeit der beiden Parteien. Bei so manchen Einträgen im Pokedex (der Videospiele) könnte man tatsächlich meinen, der Mangaka hätte dort tatsächlich seine Finger im Spiel gehabt.

Wer ein bisschen lust bekommen hat, Junji Itos Welt nun für sich zu entdecken, der hat einige Optionen. Wer der englischen Sprache nicht mächtig ist, der wird auf die in 3 Bände aufgeteilte Veröffentlichung von Uzumaki zurückgreifen können, die Carlsen Manga lizenziert und zwischen 2013-2014 veröffentlicht hat. Im englischsprachigen Raum ist die Auswahl hier schon um ein vielfaches umfangreicher. Ein Blick auf Amazon oder Thalia sollte Interessenten weiterhelfen (auch abseits der deutschen oder englischen Sprache).

Bereits seit einigen Monaten habe ich diesen Beitrag zu dem Werk von Junji Ito geplant, aber mir fehlten, wie auch jetzt gerade, die Worte. Aber heute Abend viel es mir zumindest leichter, mir nicht die Mühe zu machen, das Unerklärbare zu erklären, sondern einfach mal drauf los zu schreiben. Insgesamt wird der hier geschriebene Artikel dem Werk von Junji Ito zwar nicht wirklich gerecht, aber wenn hiermit auch nur eine Person zum Werk des Mangaka findet, hat sich dieser Ausflug in die Welt der Alpträume gelohnt!



Montag, 20. Februar 2017

Rezension: Faber oder Die verlorenen Jahre (Jakob Wassermann)







Deutschland 1924

Faber oder Die verlorenen Jahre
Autor: Jakob Wassermann
Verlag: Manesse
Nachwort: Insa Wilke
Genre: Heimkehrerroman, Drama



"Faber kam mit dem Abendzug in seiner Vaterstadt an, in der er als Architekt gewirkt hatte, bis der Krieg ausgebrochen und er, im ersten Monat schon, in Gefangenschaft geraten war. Seitdem waren fünfeinhalb Jahre vergangen.
Mit ihm reisten ein paar Kameraden, letzte Nachzügler unter den Heimkehrern wie er selbst, Bürgersöhne wie er selbst, aber anders als er befanden sie sich während der zu Ende gehenden Fahrt in einer Erregung, in der sie unzusammenhängende Reden führten wie die Fieberkranken. Da sie beim Verlassen des Schiffs nach Hause telegrafiert hatten, konnten sie gewiss sein, von ihren Angehörigen und Freunden empfangen zu werden. Nüchterne Leute sonst, verstiegen sie sich bis zur Rührseligkeit, wenn sie von Frau und Kind, von Müttern und Schwestern, ja sogar von Häusern und Stuben sprachen. Faber war in nicht freundlicher Weise schweigsam. Einer fragte ihn: <<Wird deine Frau da sein?>> Er zog die dicken schwarzen Brauen hoch und antwortete nicht. Als der Zug in die Halle fuhr, reichte er den Gefährten vieler Monate kühl die Hand und drückte sich mit seinem Holzköfferchen abseits. Von der lärmenden Begrüßung, die ihnen zuteilwurde, war er nur vorüberhastender Zeuge."
(Faber oder Die verlorenen Jahre, Jakob Wassermann. Manesse)



Relativ selten wähle ich für das anfängliche Zitat für meine Besprechung direkt einen Part von der ersten Seite. "Faber oder Die verlorenen Jahre" könnte aber kaum einen besseren Einstieg finden als diese Einführung in die Geschichte. Faber ist mehr als ein Heimkehrerroman. Dies liegt aber auch daran, dass mit Jakob Wassermann hier ein begnadeter Erzähler am Werk war, der eben nicht nur die Geschichte eines heimkehrenden Kriegsgefangenen erzählt, Faber ist auch ein Familiendrama und gleichzeitig auch Gesellschaftskritik an ein trostloses Deutschland nach dem 1. Weltkrieg. Und gleichzeitig schwingt in diesem Werk nicht minder eine Vorahnung mit. Eine Vorahnung auf eine Zeit, die nur wenige Jahre später folgen und Deutschland danach für immer verändern sollte.

Eugen Faber, Architekt, 30 Jahre alt, kehrt nach einer knapp 6 jährigen Kriegsgefangenschaft zurück in seine Heimatstadt. Geflüchtet von Sibirien nach Peking und dann mit einem Schiff quer über den Pazifik, wirkt der junge Mann ausgemergelt und teilnahmslos. Wassermann bemüht sich gar nicht erst, diesen Charakter, den Protagonist dieser Geschichte, auch nur ansatzweise auf den Leser sympathisch wirken zu lassen. Versunken in Melancholie und Einsamkeit, sucht Faber weder seine Frau samt Sohnemann auf, der bisher eine längere Zeit ohne Vater verbracht hat als mit, noch das Elternhaus auf. Er vertraut sich einem alten Freund der Familie an, Doktor Fleming, der ehemalige Hauslehrer (und Mädchen für alles) der Kinder der Fabers. Mit gespielter Kühle und Teilnahmslosigkeit tritt Faber seinem alten Mentor gegenüber, der ihn, noch immer völlig überwältigt von der Rückkehr des Mannes, in das einweiht, was er in all den Jahren verpasst hat. Für Faber ist es unmöglich, sofort ins normale Leben zurückzukehren. Obwohl Fleming ihn ermutigt nach Frau und Kind zu sehen, bleibt Faber skeptisch. Und er sollte nicht unrecht behalten. In den verlorenen Jahren ging das Leben weiter, ohne ihn. Was bleibt ist ein Mann, für den es anscheinend keinen Platz mehr in der Gesellschaft gibt.

Jakob Wassermann, ein großartiger Schriftsteller deutsch-jüdischer Abstammung, suchte selbst viele Jahre nach Anerkennung und einen Platz unter den deutschsprachigen Schriftstellern. Kaum hatte er diesen Berg erklommen, fielen dunkle Zeiten über Deutschland herein, allen voran natürlich der Holocaust. Wassermanns Werk wurde Opfer der Bücherverbrennung von Schriftstellern jüdischer Abstammung. Ausgestoßen aus der Gesellschaft starb Jakob Wassermann im Jahr 1934 veramt und vereinsamt. Wassermann (Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens) galt Seinerzeit als einer der meistgelesenen Autoren in Deutschland. Faber erschien im Jahr 1924, wenige Jahre vor dem Ruin. Die Geschichte von Eugen Faber wirkt nicht nur einmal im laufe der Geschichte wie eine unheilvolle Prophezeiung für den Autor. Umso interessanter war das Werk für mich persönlich, um diese feinen Parallelen zu Wassermanns eigenem Schicksal zu entdecken.

Einfühlsam, ja beinahe schon mit einer faszinierenden Ruhe erzählt Wassermann langsam und bedächtig, aber nicht träge und zäh, die Geschichte des Heimkehrers. Aus der Sicht von Doktor Fleming erfährt der Leser alles über die teils seltsamen Zustände in der Familie Faber. Der Vater, ein Doktor der Medizin, der aufgrund seiner Güte selten Geld von seinen Patienten verlangte und sich in Schulden stürzte, seine Frau, eine emanzipierte Dame und Frauenrechtlerin die einen großen Einfluss auf die gesamte Familie ausübte sowie die 4 Kinder, ein Ziehkind und weitere Eskapaden der Söhne. Das kuriose, teils schon absurde tragische Schicksal von Eugen Fabers Brüdern und der perfekte Bund zu eben jenem Ziehkind der Familie, die bezaubernde Martina, die er später einmal heiraten sollte. Wassermann spart es sich, diese Familiengeschichte und damit verbundenen Schicksale, langatmig auf unzählige Seiten auszudehnen. Für den Autor war es dafür umso wichtiger, Fabers Leben nach seiner Kriegsgefangenschaft zu dokumentieren. Das beeindruckende an der Geschichte ist jedoch, Wassermann übertreibt hier und da gerne absichtlich, beinahe wirkt der Roman an manchen Stellen gar wie eine Satire. Allerdings längst nicht so offensichtlich wie in einer anderen, von mir besprochenen Sammlung an Kurzgeschichten aus der Zeit nach dem 1. Weltkrieg: Die Komödie von Charleroi von Pierre Drieu La Rochelle.



Resümee

"Faber oder Die verlorenen Jahre" ist keineswegs so kompliziert wie es der Titel des Romans vielleicht vermuten lässt. Der Einstieg in die Geschichte ist leicht, man wird dank Wassermanns Erzählkunst direkt in die Geschichte gesogen. Und genau in diesem Tempo geht es auch weiter. Faber ist wesentlich zugänglicher als die von mir bereits erwähnte Komödie von Charleroi. Man muss die beiden Werke aber auch klar voneinander distanzieren. 
Ich kann hier natürlich nun schlecht schreiben, ich hatte meine Freude an Faber, so etwas wäre eine unpassende Aussage zu einem solchen Roman. Ich kann aber sagen, ich habe mit Faber etliche interessante Stunden verbracht. Besonders Romane aus der Zeit nach dem 1. Weltkrieg zu eben jener Thematik sind rar gesät oder erhalten längst nicht die Aufmerksamkeit, die ihnen gebührt. Deutschland hat diese sehr finstere Zeit hinter sich gebracht und nun gibt es selbstverständlich keine Ausflüchte mehr, Jakob Wassermann nicht zu lesen. Und wieso sollte man nicht mit diesem Werk anfangen? Auch wenn der Roman zum Ende von Wassermanns Karriere entstanden ist, so sticht dieses Werk aus dem Portfolio des Autors aufgrund seiner Bedeutung heraus. Ein Klassiker der deutschen Nachkriegsliteratur.



"Faber ließ ihn noch eine Weile toben, dann tippte er ihn am Ärmel; als Fleming stille hielt, legte er ihm beide Hände auf die Schultern und schaute ihn mit seinen schönen großen Tieraugen ruhig an. <<Kannst du dir einen Begriff davon machen, wie lang ein Jahr dauert, wenn man einsam ist?>>, fragte er mit umwölktem Lächeln. <<Stell dir's vor: ein einziges Jahr. Und dann verfünffache das Furchtbare. Jeder Traum, den man träumt, ist ein Wahrgesicht, und die Worte, die einem von außerhalb zukommen, haben eine Bedeutung, eine unheimliche Doppeltheit und Durchsichtigkeit, vor denen keine Illusion mehr standhält.>>"
(Faber oder Die verlorenen Jahre, Jakob Wassermann. Manesse)